Giustino oder Justin (HWV 37) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Sie erlebte ihre Uraufführung am 16. Februar 1737 im Theatre Royal, Covent Garden, London
| Werkdaten | |
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| Titel: | Giustino |
![]() Titelblatt der Partiturausgabe von 1737 | |
| Form: | Opera seria |
| Originalsprache: | Italienisch |
| Musik: | Georg Friedrich Händel |
| Libretto: | unbekannt |
| Literarische Vorlage: | Nicolò Beregan, Giustino (1683) und Pietro Pariati (1711) |
| Uraufführung: | 16. Februar 1737 |
| Ort der Uraufführung: | Theatre Royal, Covent Garden, London |
| Spieldauer: | 3 Stunden |
| Ort und Zeit der Handlung: | Konstantinopel und Umgebung, Anfang des 6. Jh. |
| Personen | |
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Entstehung
Die byzantinische Oper Giustino entstand für die Saison 1736/37, die letzte Spielzeit von Händels drittem Opernunternehmen, in der auch Arminio und Berenice uraufgeführt wurden. Händel stand bereits seit 1733 unter großem Druck wegen der Konkurrenz mit der sogenannten Opera of the Nobility (Adeloper).
Er begann mit der Komposition des Giustino am 14. August 1736 und hatte den Entwurf am 7. September fertig. Doch vor dem „Ausfüllen“ der Partitur, was bei ihm bedeutete, die fertig skizzierten „Rand“-Stimmen (also Diskant und Bass) um die Mittelstimmen zu ergänzen, legte er diese aus der Hand und wandte sich aus nicht bekannten Gründen erst einmal dem Arminio zu. Erst als er dessen Partitur fertig gestellt hatte, nahm er den Giustino wieder zur Hand und beendete diesen am 20. Oktober. Seine Notizen im Autograph lauten: „Agost 14 | 1736“ (am Beginn) – „Fine del Atto 1 Agost 29. 1736.“ – „Fine dell Atto 2. Sept 3. 1736.“ – „Fine dell' Opera G.F. Handel. London 7. Septembr 1736; u. von den 15. Oct. biß den | 20. 1736. ausgefüllet.“
Händel begann die neue Spielzeit mit Wiederaufnahmen früherer Werke wie Atalanta und Alcina vor Weihnachten. Nachdem er Mitte Dezember mit der Komposition von Berenice begonnen hatte, brachte er dann im Januar zuerst den Arminio heraus.
Uraufführung
Am 16. Februar 1737 folgte die Premiere des Giustino im Covent Garden Theatre, mit den folgenden Sängern:
- Giustino – Domenico Annibali (Altkastrat)
- Anastasio – Gioacchino Conti, genannt „Gizziello“ (Soprankastrat)
- Arianna – Anna Maria Strada del Pó (Sopran)
- Leocasta – Francesca Bertolli (Alt)
- Amanzio – Maria Caterina Negri (Alt)
- Vitaliano – John Beard (Tenor)
- Polidarte – Henry Theodore Reinhold (Bass)
- La Fortuna – William Savage (Knabensopran)
Wie Giustino vom zeitgenössischen Publikum aufgenommen wurde, ist nicht überliefert, lediglich der Earl of Shaftesbury notierte 1760, dass Händel in dieser Spielzeit keinen Erfolg hatte. Die Oper erlebte immerhin neun Vorstellungen, wurde aber nach dem 8. Juni 1737 vom Spielplan abgesetzt.
Händel hatte aber nicht alle Vorstellungen geleitet: Mitte April, mitten in der Aufführungsserie, erlitt er als Folge der ständigen Anspannungen einen schweren körperlichen und geistigen Zusammenbruch. In der Presse hieß es, „...er sei gelähmt und könne seine rechte Hand nicht mehr bewegen...“ (London Evening Post, 14. Mai). Es ist nicht klar, ob er das von ihm zusammengestellte und bearbeitete Pasticcio Didone abbandonata mit Musik von Leonardo Vinci, Johann Adolf Hasse, Geminiano Giacomelli und Antonio Vivaldi, das am 13. April 1737 uraufgeführt wurde, noch selber leiten konnte.
Zu diesem Zeitpunkt war völlig unklar, ob dieser Schicksalsschlag seine Tätigkeit als Komponist und Dirigent nicht für immer beenden würde. Allerdings meldete die Daily Post bereits am 30. April:
“Mr. Handel, who has been some time indisposed with the rheumatism, is in so fair a way of recovery, that it is hoped he will be able to accompany the opera of Justin on Wednesday next, the 4th of May; at which time we hear their Majesties will honour that opera with their presence.”
„Herr Händel, welcher seit einiger Zeit an Rheumatismus litt, ist auf einem guten Wege der Besserung, sodass man hoffen kann, er werde im Stande sein, nächsten Mittwoch, den 4. Mai, die Oper Giustino zu leiten. Dem Vernehmen nach werden Ihre Majestäten diese Opernaufführung mit ihrer Gegenwart beehren.“
Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese Hoffnung erfüllte und Händel schon Anfang Mai wieder die Aufführungen leitete.
Weitere Aufführungsgeschichte
Giustino wurde lediglich in Braunschweig im August 1741 unter dem Titel Justinus noch einmal in einer deutschen Textfassung von Christian Ernst Simonetti und einer musikalischen Bearbeitung sowie unter der Leitung von Georg Caspar Schürmann aufgeführt. Während die Arien in der italienischen Originalfassung gesungen wurden, komponierte Schürmann für diese Aufführungen die Rezitative und Chöre auf den deutschen Text von Simonetti neu.
Die erstmalige Wiederaufführung der Oper in der Neuzeit fand in einer gekürzten Fassung im Jahre 1963 für Schülerinnen im „Our Lady’s Convent“ in Abingdon (Großbritannien) statt, dieselbe Produktion, dann vollständiger, am 21. April 1967 im Unicorn Theatre Club Abingdon in einer englischen Textfassung von Alan Kitching. Die musikalische Leitung hatte Frances Kitching. Die erste Wiederaufführung des Stückes in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis sah man in San Francisco (Herbst Theatre) am 27. Juni 1999 mit dem Philharmonia Baroque Orchestra unter der Leitung von Nicholas McGegan.
Libretto
Der Stoff für den Operntext basiert auf einer Dichtung von Nicolò Beregan. Diese erzählt frei von historischen Persönlichkeiten des byzantinischen Reiches: Kaiser Anastasios I. und seinem Nachfolger Justin I. Giovanni Legrenzi vertonte Beregans Libretto für die erste Aufführung seines Giustino in Venedig im Jahre 1683. Giustino geriet dann zu einem der beliebtesten Opernsujets seiner Zeit und gab den Anstoß für zahlreiche weitere Kompositionen und Bearbeitungen. Bis 1697 wurde die Oper Legrenzis an acht weiteren Orten Italiens gespielt. Weitere Bearbeitungen oder Neukompositionen entstanden durch Alessandro Scarlatti (Neapel, 1684), Luigi Mancia (Rom, 1695), Johann Christian Schieferdecker (Leipzig, 1700 und Hamburg, 1706) sowie Domenico Scarlatti (Neapel, 1703). 1711 erschien in Bologna eine von Pietro Pariati bearbeitete Fassung in fünf Akten mit Musik von Tomaso Albinoni. Antonio Vivaldi ließ den Text für seine eigene Giustino-Vertonung in Rom 1724 wieder auf drei Akte umschreiben. Das von Händel benutzte Libretto wurde von einem unbekannten Bearbeiter (oder von ihm selbst?) auf der Basis dieses Vivaldischen Textes erstellt. In seiner Version verzichtete Händel zwar auf den Diener Brillo, und, was dramaturgisch schwerer wiegt, auch auf Andronico; den Untieren, Geister- und Göttererscheinungen widmete er aber, der gängigen Opernästhetik zum Trotz, die das Übersinnliche aus den Libretti verbannt hatte, hingebungsvolle Aufmerksamkeit. Mit Rücksicht auf den Londoner Publikumsgeschmack strich Händel die 1175 Rezitativzeilen auf etwas mehr als 350 zusammen: dadurch gingen einige dramatische Zusammenhänge verloren.
Handlung
Erster Akt
Im prächtigen Thronsaal des byzantinischen Palastes krönt Arianna den von ihr geliebten Anastasio mit dem kaiserlichen Lorbeerkranz, während ihr Hofstaat einen Jubelchor anstimmt. General Amanzio wirft Anastasio vor, sich nur zu vergnügen, während das Reich durch Vitaliano bedroht sei. Da erscheint Vitalianos Gesandter Polidarte mit seinem Gefolge und bietet Frieden an, unter der Bedingung, dass Arianna Vitaliano heirate. Anastasio und Arianna sind empört und lehnen ab.
In einer Landschaft mit Obstbäumen pflügt Giustino das Feld und sehnt sich nach einem ruhmreichen Leben als Krieger. Als er einschläft, erscheint ihm im Traum die Göttin Fortuna, umgeben von Genien, und bestärkt ihn darin, seiner wahren Bestimmung zu folgen, in den Krieg zu ziehen und „seine Hütte gegen einen Palast zu tauschen“. Giustino erwacht und ist entschlossen, der Vision zu folgen.
Da erscheint Leocasta, von einem Bären verfolgt. Giustino rettet sie, indem er den Bären tötet. Die dankbare Leocasta erkennt in ihm trotz seiner einfachen Kleidung eine edle Seele und fühlt sich zu ihm hingezogen. Sie teilt ihm mit, dass sie die Schwester des Kaisers sei und schlägt ihm vor, mit ihr an den kaiserlichen Hof zu kommen.
Arianna möchte ihrem Gemahl in den Feldzug folgen und fordert Amanzio auf, sie zu begleiten. Dieser strebt heimlich nach dem Thron und ist entschlossen, sein Ziel auch durch Betrug zu erreichen.
Anastasio macht Giustino zu seinem Ritter und fordert ihn auf, die inzwischen in Gefangenschaft geratene Arianna zu retten. Giustino ist bereit für den Kaiser in den Tod zu gehen.
Vitaliano macht sich bereit, mit seinen Mannen Byzanz („Konstantinopel“) anzugreifen, als Polidarte erscheint und die gefangene Arianna hereinbringen lässt. Vitaliano ist hingerissen, doch sie lehnt seine Avancen heftig ab. Der wütende Vitaliano befiehlt, sie zur Strafe einem gefährlichen Seeungeheuer auszuliefern. Arianna ist bereit zu sterben und bedauert nur, dass sie sich nicht von ihrem Mann verabschieden kann.
Zweiter Akt
Ein offenes Waldstück mit Blick auf das stürmische Meer. Nach einem Schiffbruch suchen Anastasio und Giustino Zuflucht in einer Hütte. Polidarte kommt mit Wachen und lässt Arianna (auf Befehl Vitalianos) an einen Felsen binden.
Von Weitem sieht man ein schreckliches Monster aus dem Meer näher kommen. Die entsetzte Arianna bittet den Himmel um Hilfe. Giustino hört ihre Rufe und deren Echos, kommt der ihm noch unbekannten Frau zu Hilfe und tötet das Monster im Kampf. Als er erfährt, dass er soeben die Kaiserin Arianna gerettet hat, ist er besonders erfreut. Anastasio erscheint und ist überrascht, seine Frau zu sehen. Glücklich singen sie ein Liebesduett, und Anastasio umarmt voller Dankbarkeit Giustino. Amanzio erscheint in einem Boot auf der Suche nach Anastasios Schiffen und alle verlassen zusammen den „schrecklichen Ort“ zu den Klängen eines Matrosenchors. Kaum sind sie fort, da kommt Vitaliano mit Soldaten. Mittlerweile bereut er seine mörderische Tat gegen Arianna, doch als er das Monster tot vorfindet, macht er sich Hoffnungen, dass sie überlebt hat.
In einem Garten besingt Leocasta ihre heimliche Liebe zu Giustino und vergleicht sie mit einem Schiff auf stürmischer See.
Giustino führt den von ihm besiegten und gefangenen Vitaliano in Ketten vor Anastasio, der ihn umarmt und seine Verdienste um das griechische Imperium rühmt. Der anwesende Amanzio vergeht vor Neid über die Erfolge des „gemeinen Bauern“, während Giustino darum bittet, auch noch die letzten Feinde Anastasios bekämpfen zu dürfen und sich bereits auf seinen zukünftigen Ruhm freut.
Auf Giustinos Vorschlag und Anastasios Befehl wird Vitaliano vor Arianna geführt. Der Besiegte erklärt ihr nochmals seine Liebe, doch sie reagiert zornig und lässt ihn in einen Turm wegführen, während sie seine Liebe mit einem Fluss vergleicht, der im „Meer ihrer Verachtung“ untergeht.
Dritter Akt
(Die Reihenfolge der ersten Szenen kann variieren, hier entspricht sie Händels Autograph.)
Vitaliano gelingt es mithilfe der Seinen aus dem Turm auszubrechen, er dankt ihnen für seine Rettung und ist entschlossen an Anastasio Rache zu üben und den griechischen Thron zu erobern.
Amanzio versucht in Anastasio Zweifel an Giustinos Treue zu wecken und überreicht dem Kaiser einen mit Edelsteinen besetzten Gürtel aus dem Besitz Vitalianos. Anastasio ist misstrauisch geworden und fordert Amanzio auf, Giustino zu beobachten.
Arianna – die inzwischen den besagten Juwelengürtel von Anastasio als Geschenk bekommen hatte – verschenkt diesen wiederum an Giustino, als Dank für dessen Dienste. Dieser fühlt sich hochgeehrt, spürt aber gleichzeitig eine ungute Vorahnung in sich aufsteigen.
Tatsächlich wurden sie von Amanzio beobachtet, der nun Anastasio erzählt, Arianna habe den Gürtel Giustino als Liebespfand gegeben. Anastasio lässt die „Schuldigen“ kommen und befiehlt Giustino, sein Schwert Amanzio zu übergeben. Giustino legt es stattdessen Anastasio zu Füßen, der ihn zum Tode verurteilt und abführen lässt. Arianna wird vom Kaiser verstoßen.
Leocasta teilt der am Boden zerstörten Arianna ihren Verdacht mit, dass Amanzio das Alles ausgeheckt und Anastasio weisgemacht habe. Arianna lässt ihrem Kummer freien Lauf. Auch Leocasta beklagt den Verlust Giustinos, kurz nachdem sie auch seine Liebe gewonnen hatte. Amanzio frohlockt über seinen gelungene Intrige und sieht sich schon als umjubelter Kaiser als Nachfolger Anastasios.
Nachdem dank Leocastas Eingreifen Giustinos Strafe in Verbannung umgewandelt wurde, irrt er in einem „schrecklichen Gebirge“ umher und legt sich erschöpft auf einem Stein schlafen. Vitaliano erscheint, erkennt Giustino und will ihn erstechen. Im selben Moment zuckt ein Blitz auf, der Berg öffnet sich und das Grab von Vitalianos Vater erscheint; dessen Stimme ertönt aus dem Grab und fordert ihn auf, seinen Bruder nicht zu töten, der allein ihm „Leben und Reich schenken“ könne. Vitaliano entdeckt auf Giustinos Arm ein sternförmiges Mal als Beweis dafür, dass er tatsächlich sein Bruder ist, und weckt ihn auf. Giustino ist überrascht zu erfahren, dass er von edler Abstammung ist. Sie umarmen sich und Giustino überzeugt Vitaliano, gemeinsam mit ihm den verratenen Anastasio zu rächen und Amanzio seiner gerechten Strafe zuzuführen.
Amanzio ist es gelungen, Anastasio abzusetzen, sich die Lorbeerkrone aufs Haupt zu setzen und den Thron zu besteigen. Doch sein Triumph ist nur von kurzer Dauer: Plötzlich erschallen Trommeln, Trompeten, Waffenlärm und Stimmen, die Giustino bejubeln. Dieser erscheint in Begleitung von Vitaliano und Polidarte, alle bewaffnet. Amanzio versucht zu fliehen, wird jedoch von Giustino aufgehalten, der befiehlt, ihn in Ketten zu legen und zum Tode verurteilt. Dann befreit er Anastasio, Arianna und Leocasta. Als Giustino vor Anastasio niederkniet, erhebt dieser sich und umarmt ihn. Auch Arianna wirft sich dem Kaiser zu Füßen, der sie aufhebt und seinen Irrtum eingesteht. Giustino stellt Vitaliano dem Kaiser als seinen Bruder vor und bittet für ihn um Vergebung, die Anastasio großmütig gewährt. Die Oper endet in Wohlgefallen und Glück: Anastasio und Arianna sind wieder in Liebe vereint, Giustino wird zum Mitkaiser und Nachfolger Anastasios erhoben und darf Leocasta heiraten, alle besingen ein neues Goldenes Zeitalter.
Musik
Giustino ist eins der am seltensten aufgeführte Werke Händels (Stand 2025). Dabei hielt bereits Charles Burney sie für „eines der angenehmsten dramatischen Werke Händels“ („one of the most agreeable of Handel’s dramatic production“); Romagnoli fand die Partitur „insgesamt sehr überzeugend“, auch wenn sie „höchst beeindruckende Nummern wie z.B.in Alcina“ vermisste; Duncan Chisholm meinte, Giustino biete „Unterhaltung im besten Sinn“ und verfüge „über eine ansteckende Lebendigkeit“.Winton Dean lobte das „Gesamtkonzept“ der Oper, das „flexibler als das von Vivaldi oder als das jeder der eigenen früheren Opern mit Ausnahme von Orlando“ sei („His overall plan is more flexible than Vivaldi’s, or than any of his own earlier operas with the possible exception of Orlando.“).
Tatsache ist, dass die Partitur formal ausgesprochen einfallsreich ist — insbesondere in der häufigen Verwendung anderer Formen als nur der Dacapo-Arie —, über eine relativ üppige und bunte Instrumentierung verfügt – mehrfach kommen Hörner und sogar eine Trompete zum Einsatz – und einige interessante Chorszenen aufweist. Dies scheint jedoch nicht nur einem zur Entstehungszeit altertümlichen Opern-Ideal (Hamburg, Venedig) geschuldet, sondern bis zu einem gewissen Grade liegt es nahe, dabei an eine Nachwirkung von Händels Alexanderfest zu denken, das seine Uraufführung (im Februar 1736) nur ein halbes Jahr vor dem Beginn der Komposition erlebte. Jedenfalls hat man den Eindruck, die Vertonung des ziemlich märchenartigen Giustino-Librettos habe Händels Fantasie angeregt.
Die Ouverture bietet als Besonderheit ausgedehnte Passagen für Oboe solo (die ursprünglich wahrscheinlich von Giuseppe Sammartini gespielt wurden) sowohl im Fugato als auch im darauf folgenden langsamen Satz – man könnte fast von einem Oboenkonzert sprechen. Das abschließende Allegro ähnelt im Charakter einer Gavotte, aber ohne Auftakte.
Giustino enthält darüber hinaus ungewöhnlich viele, teilweise kurze Instrumentalstücke, die in die Handlung eingebunden sind, unter anderem für die Szenen, in denen der Titelheld mit einem Bären (Akt I,6) und später mit einem Meeresungeheuer (Akt II,3: Nr. 21) kämpft.
Die Oper steht weitgehend in Dur, was ihr einen insgesamt heiteren, freundlichen, manchmal festlichen Charakter verleiht. Der gezielte Einsatz von Moll-Tonarten an wenigen besonderen Stellen ist dadurch von besonders intensiver Wirkung. Erst im dritten Akt, als sich Giustinos Schicksal durch Amanzios Verleumdungen vorübergehend verdüstert, findet man eine ganze Abfolge von Arien in Moll (Nr. 32 bis 35).
Zu den formal ungewöhnlichsten und besonders inspirierten Passagen der Oper zählen die Szenen 4 und 5 im ersten Akt, mit Giustinos erstem Auftritt und seinem Traum von Fortuna und ihren „Heerscharen“. Das Ganze wirkt beinahe durchkomponiert und beginnt mit einer kurzen, von Blockflöten, Oboen und hohen Streichern begleiteten heiteren Arie im pastoralen Stil, in der sich Giustinos bäuerlicher Stand spiegelt („Pùo ben nascer tra li boschi“, Nr. 4); allerdings setzt gegen Ende das volle Orchester mit Hörnern ein und deutet damit bereits seine noblere Herkunft und Zukunft an. Nach einem Rezitativ folgt ein weiterer kurzer, nur von Streichern begleiteter Gesang („Bel ristoro de’ mortali“, Nr. 5), wo Giustino zu Klängen in dunklem c-moll in den Schlaf versinkt. Mit der Traumerscheinung der Fortuna schlägt die Stimmung wieder in Dur um, zu einer flirrenden Orchesterbegleitung erklingt ihr Arioso „Corri, vola, a’ tuoi trofei“ (Nr. 6), es folgt ein Accompagnato der Fortuna und ein prächtiger Chor, der thematisch mit dem Arioso zusammenhängt (Nr. 8). Auch das Erwachen Giustinos wird in einem Accompagnato ausgemalt bevor die wirkungsvolle Szene mit seiner freudigen Aria „Se parla nel mio cor“ (Nr. 10) in D-Dur schließt.
Von den für den Mezzosopran Domenico Annibali komponierten Dacapo-Arien des Giustino stechen besonders hervor: die heldenhaft martialische Arie Allor ch'io forte (Akt I, Nr. 13), wo sich die Stimme gegen eine reiche Orchestrierung mit Hörnern durchsetzen muss; und Zeffiretto, che scorre nel prato (Akt III, Nr. 31), wo in die liebliche Musik teilweise absteigende chromatische Linien eingearbeitet sind, die Giustinos Vorahnung Ausdruck verleihen, dass seine Erfolge nicht nur Gutes auf sich ziehen könnten.
Für Anna Maria Strada del Pó als Arianna komponierte Händel fünf große Dacapo-Arien, ein Arioso und ein Duett. Ein Höhepunkt der Partitur ist ihr pathetischer Klagegesang „Mio dolce amato sposo“ (Nr. 17) in d-moll nach ihrer Gefangennahme am Ende des ersten Aktes, voller ab- und aufsteigender chromatischer Linien und harmonischer Überraschungen. Es ist außerdem erst die zweite Arie in einer Moll-Tonart.
Ebenfalls von großartiger Wirkung ist Ariannas stolzes „Quel torrente che s’innalza“ (Nr. 27), im damals modernen neapolitanischen Geschmack und mit konzertierender Oboe und Streichorchester, mit dem Arianna Vitalianos Avancen abblitzen lässt. In der endgültigen Fassung der Oper (laut Libretto und Direktionspartitur) lässt Händel den zweiten Akt mit dieser wirkungsvollen Arie schließen (und nicht mit Anastasios „O fiero e rio sospetto“ wie im Autograph).
Eine der ungewöhnlichsten Nummern in Giustino ist in der dritten Szene des zweiten Aktes die Stelle, wo die an den Felsen gefesselte Arianna völlig allein, also ohne jegliche Begleitung, inmitten von Rezitativen eine Melodie singt, die nur von zwei Echos beantwortet wird („Per me dunque il Ciel non ha una stilla di pieta?“, Nr. 20). Von diesem intimen Beginn baut Händel rein musikalisch eine große Steigerung über drei Szenen auf, die von einer instrumentalen Sinfonia (Nr. 21), die zu Giustinos Kampf mit dem Meerungeheuer erklingt, über das wundervolle Duett „Mio bel tesoro!“ (Akt II, 4; Nr. 22) für Anastasio und Arianna nach deren Rettung durch Giustino, bis zu dem Matrosenchor „Per voi soave e bella“ (Akt II, 5; Nr. 22) reicht; der letztere hat den Charakter einer Barcarolle, verleiht der Szene etwas Romantisches und wurde von einigen Autoren mit Mozart verglichen.
Die für den jungen, in Neapel ausgebildeten Sopran Gizziello geschriebene Partie des Anastasio besteht aus vier Arien, einem Arioso und dem erwähnten Duett und zeichnet sich in erster Linie durch Eleganz aus, auch die Beweglichkeit seiner Stimme wird vorgeführt. In seiner prächtigen Auftrittsarie „Un vostro sguardo“ (Nr. 2) huldigt Händel wiederum dem neapolitanischen Gusto, während „O fiero e rio sospetto“ (Nr. 28) in einem wiegenden Siciliano-Takt gehalten ist. Der Sänger bekam auch Gelegenheit zur Darstellung heftiger Affekte wie Wut, besonders in „Di Re sdegnato l’ira tremenda“ (Akt III, Nr. 32), seiner einzigen Arie in Moll.
In der Musik für Leocasta sticht die Auftrittsarie Nacque al bosco (Nr. 11) hervor, die in zwei Fassungen existiert, deren zweite eine „fließendere Melodie und fülligere Orchestrierung“ aufweist. In der Arie ermutigt Leocasta Giustino im Rhythmus eines Menuetts, mit ihr an den Kaiserhof zu kommen, gleichzeitig ist dabei deutlich ihre erwachende Liebe zu spüren. Von großem Charme ist auch Leocastas Augelletti, garruletti im dritten Akt (Nr. 34), eine Art Giga.
Die Tenorrolle des Vitaliano (im Original von John Beard gesungen) ist für eine, wenn auch wichtige, Nebenrolle musikalisch sehr interessant gestaltet. Sein aggressiver, kriegerischer Charakter wird bereits in seinem Auftritts-Arioso „All’armi, guerrieri“ (Nr. 15) durch die Orchestrierung mit Trompete herausgestellt.
In der Sinfonia (Allegro) im dritten Akt (Nr. 29), die zur Flucht Vitalianos aus dem Gefängnisturm erklingt, wird eine heimliche, angespannte Atmosphäre gemalt, es folgen ein Rezitativ und Vitalianos Rachearie „Il piacer della vendetta“ (Nr. 30). Die Stellung dieser Szene wurde von Händel während der Arbeit an der Oper verändert, wie überhaupt die Schnittstelle vom zweiten zum dritten Akt.
In Händels Autograph ist die Partie des Amanzio (wie auch Tullio im Arminio) teils im Alt-, teils im Bassschlüssel notiert. Händel ließ die Rolle letztlich von der Altistin Maria Caterina Negri singen, die öfters in Hosenrollen auftrat.
Bezüglich der vieldiskutierten Entlehnungen Händels aus anderen Werken griff er für Giustino einerseits auf eigene Jugendwerke aus seiner italienischen Zeit zurück, andererseits wurden auch Motiv-Zitate aus Werken von Alessandro Scarlatti, Francesco Gasparini, Giovanni Bononcini, Domenico Sarri, Carl Heinrich Graun und Andrea Stefano Fiorè identifiziert.
Orchester
Zwei Blockflöten, Bassblockflöte, zwei Oboen, Fagott, zwei Hörner, zwei Trompeten, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Erzlaute oder Theorbe, zwei Cembali).
Struktur der Oper
Ouverture. – Allegro. (2 Ob, Str, BC)
Erster Akt
| Scena I | Recitativo. Arianna Tema il nemico |
| 1. Coro. (2 Ob, 2 Trp, Str, BC) Viva Augusto! eterno impero | |
| Recitativo. Amanzio, Anastasio Ah, mio sovrano Augusto! | |
| Scena II | Recitativo. Polidarte, Arianna, Anastasio Vitaliano, il di cui nome vola |
| 2. Aria. Anastasio (2 Ob, Str, BC) Un vostro sguardo, o luci arciere | |
| Scena III | Recitativo. Arianna Arianna, che pensi? |
| 3. Aria. Arianna (2 Ob, Str, BC) Da’ tuoi begl’occhi impara, labbro vezzoso | |
| Scena IV | 4. Aria. Giustino (3 BlFl, 2 Ob, 2 Hr, Str, BC) Pùo ben nascer tra li boschi |
| Recitativo. Giustino Ah, perchè non poss’io cangiar l’aratro | |
| 5. Aria. Giustino (Str, BC) Bel ristoro de’ mortali | |
| Scena V | 6. Arioso. Fortuna (2 Ob, Str, BC) Corri, vola, a’tuoi trofei prestan plausi |
| 7. Recitativo accompagnato. Fortuna Giustin, lascia i riposi | |
| 8. Coro. (2 Ob, Str, BC) Corri, vola, a’tuoi trofei prestan plausi | |
| 9. Recitativo accompagnato. Giustino Chi mi chiama alla gloria? | |
| 10. Aria. Giustino (2 Ob, Str, BC) Se parla nel mio cor, in trepido valor | |
| Scena VI | Recitativo. Leocasta, Giustino Cieli! Numi, soccorso! |
| 11a. Aria. Leocasta (2 Ob, 2 Vl, Bc) Naque al bosco, naque al prato | |
| Scena VII | Recitativo. Arianna, Amanzio Amanzio! Alta Regnante! |
| 12. Aria. Amanzio (2 Vl, BC) È virtute in sin la frode per il prode | |
| Scena VIII | Recitativo. Anastasio, Giustino Leggo nel tuo sembiante |
| 13. Aria. Giustino (2 Ob, 2 Hr, Str, BC) Allor ch’io forte avrò orno di palme in trono | |
| Scena IX | Recitativo. Anastasio Sia fausta ognor la sorte |
| 14. Aria. Anastasio (Str, BC) Non si vanti un alma audace | |
| Scena X | 15. Arioso. Vitaliano (2 Ob, Trp, Str, BC) All’armi, guerrieri |
| Recitativo. Polidarte Signor, ti arrise il Fato | |
| Scena XI | Recitativo. Vitaliano, Arianna Amor! Cieli! che miro? |
| 16. Aria. Vitaliano (2 Ob, Str, BC) Vanne sì, superba va | |
| Scena XII | Recitativo. Polidarte, Arianna, Vitaliano Dunque si poco temi |
| 17. Aria. Arianna (Str, BC) Mio dolce amato sposo, morir saprò contenta |
Zweiter Akt
| Scena I | 18. Sinfonia. (Str, BC) |
| Recitativo. Giustino, Anastasio Al dispetto dell’onde | |
| Scena II | Recitativo. Polidarte, Arianna Questa è la cruda spaggia |
| 19. Aria. Polidarte (2 Ob, Str, BC) Ritrosa bellezza, o poco s’apprezza | |
| Scena III | Recitativo. Arianna, Giustino Numi! che il Ciel reggete |
| 20. Arioso. Arianna, 1° Eco, 2° Eco (BC) Per me dunque il Ciel non ha una stilla di pieta? | |
| Recitativo. Giustino, Arianna, 1° Eco, 2° Eco Che ascolto? Oh Dei! | |
| 21. Sinfonia. (2 Ob, Str, BC) | |
| Recitativo. Arianna, Giustino Respiro: e’tutto deggio | |
| Scena IV | Recitativo. Anastasio, Arianna Traveggo? Sogno? oh Dei! |
| 22. Duetto. Arianna, Anastasio (2 Vl, BC) Mio bel tesoro! caro mio bene / Mia dolce spene! | |
| Recitativo. Anastasio, Giustino, Arianna Mi quale orrido mostro | |
| Scena V | Recitativo. Amanzio, Anastasio, Arianna, Giustino Signor! Qual fausta sorte ti guida in questo lido? |
| 23. Coro (2 Ob, 2 Hr, Str, BC) Per voi soave e bella ogn’aura scherzi in mar | |
| Scena VI | Recitativo. Vitaliano Troppo fosti, o mio core |
| Scena VII | Recitativo. Leocasta Ah! quai crudeli pene |
| 24. Aria. Leocasta (2 Vl, BC) Sventurata navicella | |
| Scena VIII | 25. Arioso. Anastasio (2 Ob, Str, BC) Verdi lauri, cingetemi il crine |
| Recitativo. Giustino, Vitaliano, Anastasio, Amanzio Vieni, barbaro, altero | |
| 26. Aria. Giustino (2 Ob, Str, BC) Sull’altar di questo Nume si vedranno mille rai | |
| Scena IX | Recitativo. Arianna, Vitaliano Già il valor di Giustino ha vinto, e domo |
| 27. Aria. Arianna (2 Ob, Str, BC) Quel torrente che s’innalza | |
| Scena X | Recitativo. Amanzio, Anastasio Signor, a’tuoi trionfi |
| 28. Aria. Anastasio (Str, BC) O fiero e rio sospetto, taci per poco ancora |
Dritter Akt
| Scena I | 29. Sinfonia. (2 Ob, Str, BC) |
| Recitativo. Vitaliano Amici, tutto devo | |
| 30. Aria. Vitaliano (Str, BC) Il piacer dello vendetta già mi chiama | |
| Scena II | Recitativo. Arianna, Giustino, Amanzio Generoso Giustino, oh! quanto ammiro |
| 31. Aria. Giustino (2 Ob, Str, BC) Zeffiretto, che scorre nel prato | |
| Scena III | Recitativo. Anastasio, Amanzio, Giustino, Arianna, Leocasta E fia ver, che infedele |
| 32. Aria. Anastasio (2 Vl, BC) Di Re sdegnato l’ira tremenda | |
| Scena IV | Recitativo. Arianna, Leocasta Quale infernal veleno |
| 33. Aria. Arianna (Str, BC) Il mio cor già più non sa raffrenar sospiri e affanni | |
| Scena V | Recitativo. Leocasta Giustino, anima mia! |
| 34. Aria. Leocasta (2 Vl, BC) Augelletti garruletti | |
| Scena VI | Recitativo. Amanzio Riusci il bel disegno |
| 35. Aria. Amanzio (2 Vl, BC) Dall’occaso in oriente ogni gente | |
| Scena VII | 36. Recitativo accompagnato. Giustino Fortuna! M’hai tradita! |
| Recitativo. Vitaliano Prima che splenda in oriente il sole | |
| 37. Recitativo accompagnato. Voce di dentro al sepolcro Trattien l’acciar! Contro il fraterno sangue | |
| Recitativo. Vitaliano, Giustino Qual voce ascolto? | |
| 38. Aria. Giustino (2 Vl, BC) Sollevar il mondo oppresso | |
| Scena VIII | 39. Arioso. Amanzio (2 Vl, BC) Or che cinto ho il crin d’alloro |
| Recitativo. Anastasio, Amanzio E dove mi traete | |
| Scena IX | 40. Sinfonia (2 Ob, 2 Trp, Str, BC) |
| Recitativo. Amanzio, Voce di dentro, Arianna, Anastasio, Leocasta Qual marzial fragor d’onde deriva? | |
| Recitativo. Giustino, Arianna, Anastasio Olà? Renditi a me! Fra duri lacci | |
| 41. Aria. Arianna (2 Vl, BC) Ti rendo questo cor, che ti serbo l’amor | |
| Recitativo. Giustino, Anastasio, Vitaliano Signor, se vile intercessor non sono | |
| 42. Coro. (BlFl, 2 Ob, Str, BC) In braccio a te la calma del cor |
Diskografie
- Dreamlife DLVC 1063 (1985/2001): Jochen Kowalski (Giustino), Michael Rabsilber (Anastasio), Dagmar Schellenberger (Arianna), Violetta Madjarova (Leocasta), Bernd Grabowski (Amanzio), Günter Neumann (Vitaliano), Hans-Martin Nau (Polidarte), Barbara Sternberger (Fortuna)
Orchester der Komischen Oper; Dir. Hartmut Haenchen (DVD, deutsch, 120 min); Regie Harry Kupfer (Bühne) und Annelies Thomas (DVD) - Harmonia Mundi France 907130-32 (1994): Michael Chance (Giustino), Dawn Kotoski (Anastasio), Dorothea Röschmann (Arianna), Jennifer Lane (Leocasta), Drew Minter (Amanzio), Mark Padmore (Vitaliano), Dean Ely (Polidarte), Juliana Gondek (Fortuna)
Freiburger Barockorchester; Dir. Nicholas McGegan (173 min)
