Koordinaten: 38° 19âČ 26âłÂ N, 23° 19âČ 2âłÂ O

Das böotische Theben (mykenisches Griechisch đłđŁ te-qa, altgriechisch ÎáżÎČαÎč, ThĂȘbai (f. pl.), lateinisch Thebae, heute Thiva) war im Altertum die gröĂte Stadt in der griechischen Landschaft Böotien. Sie liegt auf den Vorhöhen des Teumessos, wurde schon von Homer als die âStadt der sieben Toreâ (Thebe Heptapylos) bezeichnet und war in der griechischen Antike der wichtigste Ort des Böotischen Bundes.
Geschichte
Vorgeschichte
Die bisher frĂŒhesten Spuren menschlicher Besiedlung in Theben stammen aus der spĂ€ten Jungsteinzeit, vor allem in Form von TongefĂ€Ăen und Tonstatuetten. Aus dem FrĂŒhhelladikum (FH; frĂŒhe Bronzezeit), besonders dem FH II (ca. 2700â2200 v. Chr.) wurden in Theben und den umgebenden HĂŒgeln bedeutende Siedlungsreste entdeckt. In dieser Phase wuchsen die offenbar teilweise gut organisierten Siedlungen, mit teils mehrstöckigen GebĂ€uden, und der Reichtum, bezeugt durch viele kostbare Kleinfunde, auch aus einer Reihe von GrĂ€bern um Theben. Bei diesen handelt es sich um KammergrĂ€ber mit Dromoi. Schon damals gehörte Theben zusammen mit Eutresis sowie wahrscheinlich Orchomenos und Lithares zu den gröĂten zumindest protourbanen Zentren Böotiens. WĂ€hrend des FH III (ca. 2200â2000 v. Chr.) wurde Theben, wie auch alle anderen Siedlungen Böotiens und vieler anderer Regionen Griechenlands, zerstört; ein Ereignis, das â mittlerweile nicht mehr unumstritten â oft mit einer Einwanderung von Indogermanen aus dem Norden (Balkanindogermanen) in Verbindung gebracht wird. In der Folge ist zunĂ€chst ein starker kultureller Abstieg festzustellen. Theben blieb aber auch wĂ€hrend des folgenden Mittelhelladikums (mittlere Bronzezeit, ca. 2000â1700/1600 v. Chr.) ununterbrochen besiedelt; dessen erste HĂ€lfte offenbart allerdings weit weniger Reichtum und wesentlich einfachere Siedlungsstrukturen als das FrĂŒhhelladikum. Gegen Ende dieser Periode und am Ăbergang zum SpĂ€thelladikum (ca. 1700/1600â1050/00 v. Chr.) kommen reich ausgestattete KriegergrĂ€ber auf, in denen sich sowohl Waffen als auch kostbare andere Grabbeigaben unter anderem aus Gold fanden. Typische Keramik des Mittelhelladikums und teils auch noch am Beginn des SpĂ€thelladikums sind vor allem die Minysche Keramik, aber auch die sogenannte Mattbemalte Keramik.
Mykenische Zeit
In mykenischer Zeit war Theben ein bedeutendes Zentrum, das um 1200 v. Chr. ausweislich der dort gefundenen Linear-B-Texte den sĂŒdöstlichen Teil Böotiens und womöglich auch den SĂŒden Euböas beherrschte. Möglicherweise wurde Theben auch auf der Ortsnamenliste des altĂ€gyptischen Pharaos Amenophis III. (ca. 1385â1351) mit der Bezeichnung di-qa-ja-s erwĂ€hnt; jedoch ist diese Gleichsetzung strittig. Die auf dem Kadmeia genannten HĂŒgel errichtete mykenische Oberstadt (âKönigsburgâ) liegt unter der modernen Stadt, so dass nur an wenigen Stellen systematische Ausgrabungen durchgefĂŒhrt wurden. Von den PalastgebĂ€uden wurden deshalb bisher nur wenige RĂ€ume erforscht. Dabei kamen zwei unterschiedlich ausgerichtete GebĂ€udekomplexe zu Tage, bei denen ungeklĂ€rt ist, ob sie zu zwei verschiedenen, zeitlich getrennten PalĂ€sten gehören (dann als altes und neues Kadmeion bezeichnet). Gesichert scheint, dass es insgesamt drei Zerstörungen gab. Die erste ereignete sich in der zweiten HĂ€lfte des 14. Jahrhunderts v. Chr., gegen Ende des SpĂ€thelladikums (SH) III A2. Eventuell wurde nach dieser Zerstörung das alte Kadmeion aufgegeben und ein neues errichtet, doch sind die Befunde nicht eindeutig. Eine weitere Zerstörung ereignete sich am Ende von SH III B1 (ca. 1240/25 v. Chr.), nach der einige RĂ€ume restauriert, andere hingegen offenbar nicht mehr genutzt wurden. Am Ende von SH III B2 oder der Ăbergangsphase SH III B zu III C (ca. 1190â80 v. Chr.) ereignete sich eine dritte Zerstörung, nach der (schlieĂlich auch) der (neue) Palast endgĂŒltig aufgegeben wurde.
Obwohl groĂe Teile des Palastes wegen der modernen Ăberbauung bisher nicht erforscht werden konnten, kamen bei den bisherigen Ausgrabungen zahlreiche bedeutende Funde ans Licht, darunter ein Archiv mit vielen Linear-B-Tafeln, die der Palastverwaltung dienten. Einen beachtlichen Fund stellen 42 kostbare, vor allem mesopotamische (meist kassitische) und zyprische Rollsiegel dar. Hinzu kommen neun ungravierte Siegel sowie einige stark abgenutzte, die nicht mehr les- oder bestimmbar sind. Die meisten Siegel stammen aus dem 15. bis 13. Jahrhundert v. Chr., einige altbabylonische Exemplare sind jedoch bedeutend Ă€lter. Sie waren ursprĂŒnglich in Holzkisten im Obergeschoss gehortet worden und wurden in einer Zerstörungsschicht des sogenannten Schatzraums entdeckt. Allerdings ist unklar, ob diese Zerstörungsschicht der des spĂ€ten 13./frĂŒhen 12. Jahrhunderts entspricht oder einer frĂŒheren, kurz nach Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. (am Ende von SH III B1). Viele Siegel waren aus Lapislazuli, einem damals in Griechenland auĂerordentlich seltenen Material. Aus Lapislazuli waren auch eine Anzahl von Schmuckelementen, wie Lapislazuli-Perlen unterschiedlicher Form und kleine Anthemia aus Lapislazuli fĂŒr Halsketten, die im selben Raum entdeckt wurden. Zumindest die kassitischen Siegel â deren Gesamtgewicht von 496 g ungefĂ€hr einer damaligen Mine entspricht â gelangten wahrscheinlich gleichzeitig nach Theben. Nach Meinung unter anderem der Bearbeiterin Edith Porada könnten sie ein Geschenk des assyrischen Herrschers Tukulti-Ninurta I. gewesen sein, der um 1225 v. Chr. Babylon erobert hatte. Das Geschenk bezeuge gute Beziehungen Thebens zu Assyrien, die Porada auch aus dem sogenannten Ć auĆĄgamuwa-Vertrag ableitet. Dabei handelt es sich um den Entwurf eines Schreibens Tudáž«aliyas IV. an den Vasallenkönig Ć auĆĄgamuwa in Amurru, wonach verhindert werden sollte, dass sich Schiffe Aឫឫijawas (? die Lesung des Worts, dessen Anfang fehlt, ist nicht unstrittig) in amurritischen HĂ€fen mit assyrischen HĂ€ndlern verbinden sollen. Porada erwĂ€hnt allerdings nicht, dass im selben Dokument, das ĂŒblicherweise vor die Zerstörung Babylons datiert wird, der Herrscher Aឫឫijawas aus einer Liste der als gleichrangig angesehenen GroĂkönige durch einen waagrechten Strich getilgt ist. Die Streichung wird mit einem starken Bedeutungsverlust Aឫឫijawas kurz vor dem Vertrag erklĂ€rt. Da 1225/1220 v. Chr. als terminus post quem recht spĂ€t erscheint und sich auch nur schwer mit einer eventuellen Zerstörung am Ende von SH III B1 vereinbaren lieĂe, ist diese Theorie jedoch strittig. Der Fund deutet aber in jedem Fall an, dass das Reich von Theben damals nicht unbedeutend war und weitreichende diplomatische Kontakte unterhielt.
Von Teilen der Forschung wird die Ansicht vertreten, dass Theben im 13. Jahrhundert v. Chr. die fĂŒhrende Macht in Griechenland und sein Herrscher der König von Aឫឫijawa war. Aឫឫijawa ist der hethitische Name eines Reichs westlich der Hethiter, dessen Zentrum von Westkleinasien offenbar nur ĂŒber das Meer zu erreichen war, das im 14. und ĂŒber weite Strecken des 13. Jahrhunderts v. Chr. aber auch Teile des sĂŒdlichen Westkleinasiens, insbesondere Millawanda (sehr wahrscheinlich Milet) beherrschte. Es wird mittlerweile von der herrschenden Forschungsmeinung mit einem mykenischen Reich gleichgesetzt. Als Argument dafĂŒr, dass Theben dessen Hauptstadt war, wird unter anderem angefĂŒhrt, dass die Vertreter Böotiens und mit Peneleos ein Thebaner am Anfang des Schiffskatalogs der Ilias stehen, nicht aber Mykene mit Agamemnon, und dass die gesamte Flotte von Aulis in Böotien aufbricht. Jedoch ist das Alter des Schiffskatalogs umstritten. Auch die mesopotamischen Rollsiegel (siehe oben) werden als Indiz angesehen, dass Theben im 13. Jahrhundert v. Chr. die FĂŒhrungsmacht Aឫឫijawas war. Allerdings gelten in der Forschung auch Mykene oder die ostĂ€gĂ€ische Region um Rhodos als mögliche Zentren des mykenischen Aឫឫijawa/Griechenlands.
Der TĂŒbinger Altorientalist Frank Starke vertritt die Ansicht, dass ein seit Emil Forrer bekannter Keilschriftbrief (KUB 26.91) der hethitischen Palastkorrespondenz nicht vom hethitischen GroĂkönig abgesandt worden, sondern ein Brief aus Griechenland an die Hethiter sei. In diesem Brief wird ein Kagamu, Urahn des Königs von Aឫឫijawas und offenbar Zeitgenosse von Tudáž«aliya I., genannt, dessen Name Starke als Kadmos deutet, was auf Theben hinweisen könnte; Die Lesung âKadmosâ ist allerdings strittig und Starke hat seine Umdeutung bis heute nicht wissenschaftlich publiziert. Die â in der Forschung unstrittige â ErwĂ€hnung Tudáž«aliyas I. sowie des StaatenbĂŒndnisses AĆĄĆĄuwa belegen eine lange Beziehung zwischen Aឫឫijawa und den Hethitern, die bis ins spĂ€te 15. Jahrhundert zurĂŒckreicht. Das Schreiben stammt möglicherweise aus der Zeit des ážȘattuĆĄili III., des wahrscheinlichen Verfassers des bekannten Tawagalawa-Briefes. Dieser Brief ist an den als âGroĂkönigâ angeredeten Herrscher von Aឫឫijawa gerichtet, dessen Name nicht erhalten ist. Jedoch wird dessen Bruder Tawagalawa mehrmals erwĂ€hnt, der ebenfalls als GroĂkönig bezeichnet wird und möglicherweise vor seinem Bruder König war bzw. mit diesem ein Doppelkönigtum bekleidete. Bereits Forrer sah in Tawagalawa die hethitisierende Schreibweise einer FrĂŒhform des griechischen Namens Eteokles, was mittlerweile auch Forschungsmeinung ist. Bereits Forrer verband den Namen mit Böotien, allerdings mit dem mythischen Eteokles von Orchomenos; heute wird jedoch aus dem Bereich der griechischen Sagen â mit Vorsicht â auf den Eteokles der thebanischen Mythologie hingewiesen, der mit seinem Bruder Polyneikes ein Doppelkönigtum bekleiden sollte. Ferner wird auf mehrere Linear-B-Tafeln (Fq 177 und 198) aus Theben verwiesen, in denen ein angesehener Mann aus Milet erwĂ€hnt wird, der offenbar einst ein hoher AmtstrĂ€ger in Milet war und nun im thebanischen Palast versorgt wurde. Sofern das bis ins zweite Drittel des 13. Jahrhunderts v. Chr. mykenisch geprĂ€gte kleinasiatische Milet â und nicht das kretische Milatos â gemeint ist, wĂŒrde dies darauf hinweisen, dass Milet ein AuĂenposten Thebens in Westkleinasien war. WĂ€hrend der Herrschaft des hethitischen Königs Tudáž«aliya IV. verlor Aឫឫijawa offenbar die Kontrolle ĂŒber Millawanda, jedenfalls werden Angaben im Milawata-Brief entsprechend interpretiert; die archĂ€ologischen Funde in Milet zeugen von zunehmendem hethitischen Einfluss ab dem spĂ€ten 13. Jahrhundert. Die ungefĂ€hr gleichzeitige Zerstörung Thebens könnte erklĂ€ren, dass der Einfluss Aឫឫijawas in Westkleinasien um diese Zeit zurĂŒckging.
Archaische und klassisch-griechische Zeit
728 v. Chr. erhielt die Stadt von dem Bakchiaden Philolaos aus Korinth neue Gesetze. Theben gehörte ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. zum Böotischen Bund, wurde Sitz der Böotarchen und somit Hauptstadt des Bundes. 507 v. Chr. begann Theben einen Krieg gegen Athen, wurde aber besiegt.
WÀhrend der Perserkriege stand Theben mit Orchomenos auf der Seite des Perserreichs und erlitt mit diesem die Niederlage bei PlatÀÀ 479 v. Chr., worauf die HÀupter der persischen Partei hingerichtet wurden.
Thebens Ansehen hatte infolgedessen so gelitten, dass Athen durch Errichtung demokratischer Verfassungen in den böotischen StÀdten Thebens Einfluss wiederholt zu brechen und Böotien seiner eigenen Hegemonie zu unterwerfen verstand.
Nachdem durch den Sieg bei Oinophyta 456 v. Chr. Böotien (auĂer Theben) fĂŒr den attischen Bund gewonnen worden war, schlugen die aus Böotien Verbannten im Verein mit den Orchomeniern ein athenisches Heer unter Tolmides 447 v. Chr. bei Koroneia, wodurch Böotien sich vom attischen Bund wieder löste. Zugleich wurde die aristokratische Verfassung in Theben wiederhergestellt, und die Stadt wurde weiterhin durch den von Athen gestĂŒrzten Adel regiert. Theopompos schilderte die Bundesverfassung, die nun bis 387 v. Chr. galt. Im Peloponnesischen Krieg gehörte Theben zu den erbittertsten Feinden Athens und versuchte 431 v. Chr. vergeblich, PlatÀÀ zu erobern; erst 427 v. Chr. gelang ihm mit UnterstĂŒtzung des Peloponnesischen Bundes die Zerstörung dieser Stadt.
410 v. Chr. schloss Theben einen neuen Bund mit Sparta. Als nach dem Sturz der Demokratie in Athen die 30 Tyrannen herrschten, sammelten sich vor allem in Theben die athenischen FlĂŒchtlinge und besetzten von hier aus 403 v. Chr. unter Thrasybulos die kleine Grenzfeste Phyle und spĂ€ter den PirĂ€us. In der Folge nahm Theben wieder eine demokratische Verfassung an. Durch die athenische Beute im Dekeleisch-Ionischen Krieg wurde Theben sehr wohlhabend.
395 v. Chr. begann Theben im Bund mit Korinth und Argos den Korinthischen Krieg gegen Sparta, seine Koalition wurde aber 394 v. Chr. am Nemeabach und bei Koroneia geschlagen. Der Krieg zog sich bis 386 hin und endete im vom persischen GroĂkönig gestifteten Königsfrieden.
Beim Ausbruch des ersten olynthischen Kriegs (382 v. Chr.) besetzte der spartanische Feldherr Phoibidas durch einen Handstreich mit Hilfe von Leontiadas die Burg von Theben, stellte die Herrschaft der Aristokratie wieder her und schickte die HĂ€upter der demokratischen Partei in die Verbannung. Aber schon 379 v. Chr. kehrte Pelopidas mit den ĂŒbrigen FlĂŒchtlingen nach Theben zurĂŒck, stĂŒrzte die Aristokraten und erzwang mit Hilfe eines athenischen Heers die RĂ€umung der Burg. Theben schloss hierauf ein BĂŒndnis mit Athen, Pelopidas und Epaminondas aber traten an die Spitze des Staats.
Zwei EinfĂ€lle der Lakedaimonier wies Theben mit Hilfe der Athener ab. Es konnte sogar seine Vormachtstellung im Böotischen Bund weiter ausbauen. Dazu unterwarf es nicht nur andere böotische StĂ€dte, sondern zerstörte sie sogar, eignete sich deren Staatsgebiet und Stimmen im Böotischen Bund an. MutmaĂlich in diese Zeit fĂ€llt die Aufstellung der Heiligen Schar. Als die Thebaner 371 v. Chr. den Allgemeinen Frieden nicht annahmen, weil die Spartaner die Auflösung des Böotischen Bundes forderten, begann der thebanische Krieg, in welchem Theben unter FĂŒhrung des Epaminondas in der Schlacht bei Leuktra die Hegemonie in Griechenland errang. Es stĂŒrzte auch Spartas Macht auf dem Peloponnes, indem Epaminondas den Arkadischen Bund stiftete und die UnabhĂ€ngigkeit Messeniens wiederherstellte. Es strebte sogar nach einer Seeherrschaft, um Athen aus dieser Machtposition zu verdrĂ€ngen.
Nun trat Athen auf Spartas Seite ĂŒber, was die militĂ€rischen Operationen des Böotischen Bundes in der Peloponnes zwar nicht verhindern, aber doch empfindlich beeintrĂ€chtigen konnte. Nach Epaminondasâ Sieg und Tod bei Mantineia (362 v. Chr.) sank Thebens Macht wiederum, welche nur durch das Genie seiner beiden gröĂten StaatsmĂ€nner so hoch gestiegen war. Trotzdem war das BĂŒndnis um Theben weiterhin die stĂ€rkste Macht Griechenlands und verfolgte weiterhin eine aggressive Ordnungspolitik. Die gemeinschaftlich verfasste Landschaft Phokis wurde auf Thebens Betreiben durch das Amphiktyonengericht wegen Verletzung des delphischen Tempelgebiets zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Hierdurch provozierte es den dritten Heiligen Krieg (355â346 v. Chr.).
Nachdem die Amphiktyonen 339 v. Chr. den Lokrern von Amphissa den vierten Heiligen Krieg erklĂ€rt und den Makedonenkönig Philipp II. herbeigerufen hatten, ihr Urteil gegen die Lokrer zu vollstrecken, und dieser Elateia besetzte, brachte Demosthenes durch seine Beredsamkeit ein BĂŒndnis zwischen Athen und Theben gegen Philipp II. zustande. Ein Allianzangebot des Makedonenkönigs wurde von Theben abgelehnt. 338 v. Chr. erlitten aber die athenischen und thebanischen Truppen in der Schlacht von Chaironeia eine entscheidende Niederlage gegen Philipp II. Theben musste darauf makedonische Besatzung in die Burg Kadmeia aufnehmen, verlor einen erheblichen Teil seines Besitzstandes und wurde von einer Philipp II. hörigen FĂŒhrung regiert.
Laut der Althistorikerin Sabine MĂŒller war der Verrat der Thebaner am Makedonenkönig Philipp ein Grund fĂŒr die spĂ€tere Zerstörung durch Alexander den GroĂen. Ebenso war aber auch die dauerhafte Installierung einer makedonischen Besatzung eine Schmach fĂŒr die stolze Stadt, so Droysen.
Nach Philipps Tod (336 v. Chr.) probte Theben einen ersten Aufstand; doch Philipps Sohn und Nachfolger Alexander der GroĂe konnte die Erhebung durch sein rasches Erscheinen sofort niederwerfen. Als Alexander im Herbst 335 v. Chr. einen Feldzug gegen Illyrien unternahm, lehnten sich die Thebaner auf die falsche Nachricht von dessen Tod wiederum gegen die makedonische Hegemonie auf. Sie schlossen die makedonische Besatzung auf der Burg ein und warben um die Mithilfe Athens, Spartas und anderer griechischer Staaten sowie des Perserkönigs Dareios III. Doch schon nach zwölf Tagen stand Alexander vor der Stadt. Auf sein Angebot, Theben gegen dessen freiwillige Kapitulation zu schonen, gingen die Einwohner nicht ein. Sie erhielten aber von Athen und anderen griechischen StĂ€dten keine Hilfe, da diese es vorzogen, das weitere Geschehen abzuwarten. AuĂerdem hatte das schnelle und energische VorrĂŒcken Alexanders die Athener einerseits verschreckt, andererseits die Feinde Thebens motiviert, mit den Makedonen gegen die verhasste Polis vorzugehen. Laut dem Althistoriker Ian Worthington kam niemand Theben zu Hilfe, weil die anderen Griechen an dem von Alexander erneuerten BĂŒndnissystem des Korinthischen Bundes festhielten.
In der folgenden Schlacht, in der 6000 Thebaner fielen, eroberten makedonische Truppen die Stadt. Auf Beschluss des Korinthischen Bundes, dessen Hegemon Alexander war, wurde Theben zerstört; 30.000 Einwohner wurden als Sklaven verkauft. Alexander lieà nur die Tempel, den Besitz der Makedonenfreunde und das Haus des Dichters Pindar stehen. Das bisher zu Theben gehörige Land wurde an die NachbarstÀdte verteilt; die Kadmeia blieb weiterhin in der Hand einer makedonischen Garnison.
Hellenistische und römische Zeit
Ab 316 v. Chr. wurde Theben auf Befehl von Kassander mit Hilfe von Spenden der Athener und anderer griechischer StĂ€dte wieder aufgebaut und seine Stadtmauer wieder hergestellt, was aber mehrere Jahre dauerte. Die geflĂŒchteten Einwohner durften zurĂŒckkehren. Diese NeugrĂŒndung scheint auf der einen Seite dazu gedient haben, eine unpopulĂ€re Entscheidung Alexanders des GroĂen rĂŒckgĂ€ngig zu machen und sich damit ideologisch zu profilieren, hatte aber gleichzeitig den praktischen Zweck, das damals virulente Problem der vielen FlĂŒchtlinge und Vertriebenen in den griechischen StĂ€dten zu reduzieren. Die Stadt erhielt aber nicht mehr ihre frĂŒhere Bedeutung zurĂŒck und konnte kaum eigenstĂ€ndige Politik betreiben. Die böotischen NachbarstĂ€dte sahen die NeugrĂŒndung Thebens missgĂŒnstig; es wurde nicht mehr die fĂŒhrende Kraft im Böotischen Bund. Im dritten Diadochen-Krieg verbĂŒndeten sich die meisten böotischen StĂ€dte 313 v. Chr. mit Antigonos I. Monophthalmos, wĂ€hrend Theben Kassander unterstĂŒtzte. Antigonosâ Neffe Ptolemaios konnte die Kadmeia einnehmen. 304 v. Chr. eroberte Demetrios I. Poliorketes Mittelgriechenland und machte Theben eine groĂe Stiftung. Nach der Schlacht bei Ipsos (301 v. Chr.) ging die Stadt wieder zu Kassander ĂŒber. 294 v. Chr. wurde Demetrios König Makedoniens und eroberte im Folgejahr Theben. 292 v. Chr. erhoben sich die Böoter gegen ihn, und Theben leistete hartnĂ€ckigen Widerstand, wurde aber schlieĂlich 291/290 v. Chr. von Demetrios erobert. Dann kam es unter die Herrschaft von Antigonos II. Gonatas. Um 280 v. Chr. wurde die Stadt autonom. Beim Aufstand des AchĂ€ischen Bundes gegen Antigonos verbĂŒndete sich die Theben wie alle Böoter mit den AchĂ€ern, verlor aber 245 v. Chr. gegen die Ătoler und musste sich dann diesen anschlieĂen. 236 v. Chr. fielen die Böoter und somit auch Theben zu Demetrios II. Aitolikos ab, doch scheint eine starke Partei in der Stadt antimakedonisch gesinnt gewesen zu sein. Erst König Antigonos III. Doson schaltete um 222 v. Chr. die dortige Opposition aus.
Theben hielt wĂ€hrend des ersten Makedonisch-Römischen Kriegs zu König Philipp V. Ebenso war es im zweiten mit dem Makedonenkönig verbĂŒndet, wurde aber von Titus Quinctius Flamininus 197 v. Chr. durch Ăberrumpelung fĂŒr Rom gewonnen. Dieses BĂŒndnis war nicht ganz freiwillig; vielen Thebanern waren die Römer verhasst. WĂ€hrend des Römisch-Syrischen Kriegs schloss sich Theben 192 v. Chr. dem Seleukidenkönig Antiochos III. an. Auch nach dessen baldiger Abreise aus Griechenland ĂŒberwogen in Theben die Romfeinde. Vor dem dritten Makedonisch-Römischen Krieg verbĂŒndete sich Böotien mit dem Makedonenkönig Perseus. Aufgrund interner Zwistigkeiten zerfiel um 172 v. Chr. der Böotische Bund. In Theben kam es zum Streit zwischen der römer- und der makedonenfreundlichen Partei. SchlieĂlich wurde entschieden, die Stadt den Römern zu ĂŒbergeben. Die Römer besiegten Perseus 168 v. Chr. in der Schlacht von Pydna.
Im AchĂ€ischen Krieg 146 v. Chr. schloss Theben sich der KriegserklĂ€rung der AchĂ€er an die Römer an. Der ProprĂ€tor Metellus nahm die Stadt kampflos ein, da ihre Einwohner sie nach der verlorenen Schlacht von Skarpheia verlassen hatten. Die Angabe des römischen Geschichtsschreibers Titus Livius, dass kurz darauf der Konsul Lucius Mummius Theben zerstört habe, ist ĂŒbertrieben. Im Ersten Mithridatischen Krieg (89â85 v. Chr.) ging Theben zum pontischen König Mithridates VI. ĂŒber, kapitulierte aber, da es nicht mehr ĂŒber genĂŒgend Verteidigungskraft verfĂŒgte, beim HeranrĂŒcken des römischen Feldherrn Sulla ebenfalls widerstandslos. Letzterer bestrafte die Stadt materiell schwer. In der Folge verfiel Theben zu einem bedeutungslosen Dorf, behielt aber trotz sinkender Einwohnerzahl das Stadtrecht.
Pausanias fand die Unterstadt bis auf die Tempel verlassen, die Bewohner wohnten nur noch in der Akropolis, die nun nicht mehr Kadmeia, sondern Theben hieĂ.
Kultort
Theben war schon in der FrĂŒhzeit ein bedeutender Kultort. Hier stand ein Heiligtum des Apollon Ismenios und Ausgrabungen im 19. Jahrhundert haben den Kabirentempel freigelegt.
Mythologie
Sagen
Das antike böotische Theben lag in quellenreicher, hĂŒgeliger Gegend ĂŒber dem sĂŒdlichen Rande der aonischen Ebene. Als frĂŒhe Bewohner gelten die Kadmeer (Kadmeionen). Die Stadt oder zunĂ€chst die Burg Kadmeia wurde der Sage nach von Kadmos gegrĂŒndet, nachdem er den Drachen getötet hatte, der das Land verödete. Kadmos stammte nach wohl erst in archaischer Zeit entstandenen Versionen der Sage aus Phönizien, nach vielen anderen Versionen aber war er aus Böotien. Bereits die GrĂŒndung der Stadt Theben ist durch eine Sage beschrieben. Demnach soll Kadmos zusammen mit fĂŒnf Kriegern, welche aus den gesĂ€ten ZĂ€hnen eines Drachen, den Kadmos erschlagen hatte, gewachsen waren, Theben gegrĂŒndet haben (siehe Legende von der GrĂŒndung Thebens).
Auch die weitere mythische Geschichte des böotischen Thebens ist reich an Legenden, welche sich um Herakles, Dionysos und Laios ranken. Die Stadt ist Zentrum des thebanischen Sagenkreises und Geburtsstadt des Herakles, des Ădipus, der Sieben gegen Theben und Antigones. Eine weitere thebanische Sage ist die der Niobe (Ehefrau des Königs Amphion), welche als eingeheiratete Herrscherin und Mutter von 14 Kindern mit ihrem Hochmut den Zorn der Leto auf sich zog.
Jedenfalls lieĂen sich bei Theben der Sage nach möglicherweise phönizische Einwanderer nieder, welchen dann griechische aus Kleinasien folgten, wie die Sage von Amphion erzĂ€hlt, der durch seine Leier die Steine herbeilockte. Amphion und Zethos erweiterten die Mauern und fĂŒgten sieben Tore hinzu, die das geflĂŒgelte Wort vom âsiebentorigen Thebenâ auslösten â im Gegensatz zum âhunderttorigen Thebenâ in Ăgypten, das Homer in der Ilias erwĂ€hnt. In der BlĂŒtezeit hatte der Ring einen Umfang von mehr als 7 km (15 km (?)). Die aus Thessalien stammenden Böoter verdrĂ€ngten die ursprĂŒnglichen Einwohner der Stadt.
Zu dem Geschlecht der Kadmeionen gehörte auch der Sohn des Laios, Ădipus. In die Zeit des Ădipus fĂ€llt auch die Sage der Sphinx (oder Phix), die vor Theben hauste und jeden Fremden tötete, der ihre RĂ€tsel nicht lösen konnte. Dies wurde von Ădipus durch das Lösen des RĂ€tsels der Sphinx beendet. Ădipus ĂŒbergab die Regierung seinen Söhnen Eteokles und Polyneikes mit der Bestimmung, dass jeder abwechselnd je ein Jahr regieren sollte. Eteokles brach den Vertrag und veranlasste dadurch den berĂŒhmten Zug der Sieben gegen Theben. SpĂ€ter folgte der Epigonenkrieg (d. h. der Kriegszug der Söhne jener Sieben), der mit der Niederlage der Thebaner bei Glisas und der Zerstörung des alten Theben endete.
Mythische Könige
Die Ă€ltesten Ăberlieferungen erwĂ€hnen als Herrscher im thebanischen Land Ogyges, König der Ektenen. Nach den Ektenen besiedelten die Hyanten und die Aonen die Gegend. Nach der Ankunft des Kadmos grĂŒndete dieser die Stadt Theben:
- Kadmos, Sohn des Agenor
- Pentheus, Sohn des Echion
- Polydoros, Sohn des Kadmos
- Nykteus, Sohn des Hyrieus, ĂŒbernimmt als Vormund des noch jungen Labdakos die Herrschaft
- Lykos, Bruder des Nykteus; als Nykteus stirbt, ĂŒbernimmt er die Herrschaft, bis Labdakos erwachsen ist
- Labdakos, Sohn des Polydoros
- Lykos, regiert nochmals, diesmal fĂŒr den einjĂ€hrigen Laios
- Amphion und Zethos, Söhne des Zeus und der Antiope
- Laios, Sohn des Labdakos
- Kreon, Sohn des Menoikeus
- Ădipus, Sohn des Laios
- Kreon, Sohn des Menoikeus, ĂŒbernimmt ein zweites Mal die Regierung, fĂŒr die Söhne des Ădipus
- Polyneikes, Sohn des Ădipus
- Eteokles, Sohn des Ădipus
- Kreon, Sohn des Menoikeus, ĂŒbernimmt ein drittes Mal, diesmal als Vormund des Laodamas, die Regierung
- Lykos, Sohn des Lykos â erst durch Euripides frei erfunden
- Laodamas, Sohn des Eteokles
- Thersandros, Sohn des Polyneikes
- Peneleos, Vormund des Teisamenos
- Teisamenos, Sohn des Thersandros
- Autesion, Sohn des Teisamenos
- Damasichthon, Sohn des Opheltes, Enkel des Peneleos
- Ptolemaios, Sohn des Damasichthon
- Xanthos, Sohn des Ptolemaios
Neben den Genannten taucht in der Mythologie auch Amphitryon als König von Theben auf. Nach Xanthosâ Herrschaft beendeten die Thebaner die Herrschaft eines Einzelnen.
Sonstiges
Nach Georg Friedrich Kolb war Theben der einzige Stadtstaat im Böotischen Bund, der es dem Hausvater nicht gestattete, missgestaltete Kinder oder Kinder, von denen er meinte, sie nicht ausreichend ernÀhren zu können, auszusetzen oder anderweitig dem Tod anheimzugeben.
Siehe auch
- ArchÀologisches Museum Theben
