Support
Kostenlose Download- und Informationsplattform
  • Wikipedia

Die schizoide Persönlichkeitsstörung (SPS) zeichnet sich durch einen Rückzug von gefühlsbetonten und zwischenmenschlichen Kontakten aus. Dies äußert sich durch

Schizoide Persönlichkeitsstörung

  • Startseite
  • Schizoide Persönlichkeitsstörung
Dieser Artikel beschreibt die schizoide Persönlichkeitsstörung. Sie ist nicht zu verwechseln mit Schizophrenie, der schizotypen Störung oder dem früher als „schizoide Störung des Kindesalters“ bezeichneten Asperger-Syndrom.
Klassifikation nach ICD-10
F60.1 Schizoide Persönlichkeitsstörung
{{{02-BEZEICHNUNG}}}
{{{03-BEZEICHNUNG}}}
{{{04-BEZEICHNUNG}}}
{{{05-BEZEICHNUNG}}}
{{{06-BEZEICHNUNG}}}
{{{07-BEZEICHNUNG}}}
{{{08-BEZEICHNUNG}}}
{{{09-BEZEICHNUNG}}}
{{{10-BEZEICHNUNG}}}
{{{11-BEZEICHNUNG}}}
{{{12-BEZEICHNUNG}}}
{{{13-BEZEICHNUNG}}}
{{{14-BEZEICHNUNG}}}
{{{15-BEZEICHNUNG}}}
{{{16-BEZEICHNUNG}}}
{{{17-BEZEICHNUNG}}}
{{{18-BEZEICHNUNG}}}
{{{19-BEZEICHNUNG}}}
{{{20-BEZEICHNUNG}}}
{{{21-BEZEICHNUNG}}}
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Die schizoide Persönlichkeitsstörung (SPS) zeichnet sich durch einen Rückzug von gefühlsbetonten und zwischenmenschlichen Kontakten aus. Dies äußert sich durch eine Vorliebe für Fantasien und Selbstbeobachtung, Einzelgängertum und eine in sich gekehrte Zurückhaltung. Die Betroffenen verfügen nur über ein begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu erleben.

Psychodynamische Ansätze sehen den Wunsch nach Nähe und Intimität bei gleichzeitiger Angst vor Überwältigung und Fremdbestimmung als Kernkonflikt schizoider Persönlichkeiten. Hierfür wurde auch die Bezeichnung schizoides Dilemma geprägt. Betroffene Menschen neigen deshalb dazu, Beziehungen überwiegend in ihrer Fantasie zu führen, während diese in der Realität vermieden werden und eine Betonung der Autonomie und Autarkie erfolgt. Als Folge davon entsteht eine charakteristische Gegenläufigkeit zwischen innerer Welt und äußerem Verhalten.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte des Konzepts

Der Ausdruck schizoid wird auf Eugen Bleuler zurückgeführt und bedeutet wörtlich „spaltungsähnlich“ (altgriechisch σχίζειν schízein „spalten“ und -oid „ähnlich“). Damals bezog sich der Begriff schizoid allerdings auf einen weitaus größeren Formenkreis von Persönlichkeitsmerkmalen. Ernst Kretschmer entwickelte daraus dann ein eigenes Konzept: Zentral darin war bereits das Auseinanderfallen von innerem Erleben und äußerem Verhalten und ein daraus entstehendes inneres Spannungsverhältnis.

Beschreibung

Außensicht

Eine tiefgehende Kontaktstörung prägt die Betroffenen. Emotionaler Bezug und Zuwendung zur Umwelt sind vermindert, die spontane Erlebnisfähigkeit und das unmittelbare Ansprechen der Gefühle gehemmt. Ihre Beziehung zu Menschen und Dingen erscheint ungewöhnlich locker und unverbindlich. Auffallend sind eine fehlende „emotionale Authentizität“, die Abflachung der Gemütserregungen (Affekte) sowie geringe emotionale Reaktionen auf die Gefühle von Mitmenschen. Tiefsitzendes Misstrauen mit einer Tendenz, sich kaum zu öffnen oder intim zu offenbaren, hält die Betroffenen anderen Menschen gegenüber auf Distanz.

Einige dieser Menschen treten starr und hölzern auf, andere wiederum überaus freundlich und vertrauenswürdig. Unter Druck gesetzt (z. B. durch zu enges Zusammenleben), reagieren sie oft abrupt und befremdlich. Sie ziehen sich dann für Außenstehende unerwartet zurück, schotten sich ab und meiden für einige Zeit Kontakte. Sowohl perfekte Selbstkontrolle als auch plötzliches Ausbrechen sind meist Seiten dieser Persönlichkeiten.

In von außen angestoßenen Veränderungen und neuen Dingen wird meist eine Gefahr gesehen, vor der es sich zu schützen gilt – vorzugsweise durch Rückzug oder Kontrolle. Menschen mit einer schizoiden Störung bilden kompensatorisch daher oft ein hohes Maß intuitiver Fähigkeiten aus, mit denen sie sich schützen und zugleich Überlegenheit und Kontrolle gewinnen wollen. Diese antrainierten Fähigkeiten helfen dem schizoiden Menschen bei der Alltagsbewältigung, belasten engere soziale Kontakte jedoch schnell.

Nach außen hin zeigen viele Betroffene meist eine „glatte“ Oberfläche ohne sichtbares emotionales Mitschwingen. Gesten oder Gesichtsausdrücke (z. B. ein Lächeln oder Nicken) werden selten erwidert und eigene Gefühle nicht nach außen getragen. Selbst bei direkter Provokation fällt es ihnen ungemein schwer, innerer Aggression oder Feindseligkeit Ausdruck zu verleihen. Schizoide Persönlichkeiten können daher in solchen Situationen passiv und gefühlsarm wirken – auch wenn das häufig gar nicht ihrem wirklichen Gefühlszustand entspricht. Deshalb haben sie oft Probleme, angemessen auf wichtige oder unangenehme Lebensereignisse zu reagieren.

Außenstehenden erscheint es, als würden schizoide Menschen richtungslos vor sich hin leben und sich bezüglich ihrer Ziele „treiben lassen“. Die betreffenden Personen können auch selbstversunken und losgelöst von ihrer Umgebung wirken – in exzessives Tagträumen vertieft oder wie „im Nebel“. Im zwischenmenschlichen Umgang beachten einige Schizoide zudem feine, unterschwellige Details zu wenig. So übersehen sie auch soziale Hinweisreize und verstoßen dann ungewollt gegen übliche gesellschaftliche Regeln. Dadurch können andere ihr Verhalten als unpassend, sozial unbeholfen oder oberflächlich empfinden.

Nicht jeder Betroffene entspricht zwingend dem eben beschriebenen Bild. Der Psychoanalytiker Ralph Klein hat den Begriff des „geheimen Schizoiden“ geprägt. Er bezeichnet damit Personen, die nicht gängigen Vorstellungen über schizoide Menschen entsprechen, sondern nach außen hin freundlich, gesellig und leistungsfähig auftreten. Ihre innere Erlebniswelt sei jedoch ebenfalls durch Rückzug, Introversion, intensive Fantasietätigkeit und eine ausgeprägte Angst vor echter Nähe gekennzeichnet. Entstehende Spannungen werden laut ihm nicht selten als „Angst vor Verantwortung“ oder „Bindungsscheu“ rationalisiert.

Innensicht

Typisch für schizoide Menschen ist der Rückzug in eine reiche innere Fantasiewelt. Diese dient nicht nur als Ersatz für fehlende zwischenmenschliche Beziehungen, sondern ist oft auch eine Quelle ausgeprägter Kreativität. Künstlerisches Schaffen, Schreiben, Musik oder wissenschaftliche Arbeit können für schizoide Menschen Wege sein, innere Erfahrungen auszudrücken und zu verarbeiten, wobei daraus entstehende Werke oft geheim gehalten oder nur mit wenigen ausgewählten Menschen geteilt werden. Für den Zusammenhang zwischen schizoider Persönlichkeit und Kreativität gibt es vereinzelt auch empirische Belege. So zeigten in einer ersten Studie Personen mit schizoider Tendenz eine bessere Fähigkeit zu divergentem Denken.

Entgegengesetzt zur Außensicht besteht bei schizoiden Menschen oft ein starkes inneres Bedürfnis nach Bindung. Der Verlust einer der oft nur wenigen wichtigen Bezugspersonen kann deshalb besonders schmerzhaft sein und Gefühle von Leere, Traurigkeit und Wut hervorrufen. Das ist nicht selten eine Motivation für den Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung. Trotz dieses inneren Bindungswunsches empfinden schizoide Menschen soziale Kontakte tendenziell als einengend, bedrängend, teils sogar beängstigend. Harry Guntrip prägte die oft zitierte Formulierung, dass schizoide Menschen befürchten, von anderen „verschlungen“ zu werden. Andere Menschen werden von schizoiden Menschen tendenziell als aufdringlich oder kontrollierend empfunden und es kann teils zu starken Ängsten vor dem Verlust der eigenen Autonomie kommen.

Schizoide Menschen erleben sich oft als unbeteiligte Beobachter der Welt um sie herum – aber nicht als Teilnehmer. Der Gedanke, nicht zugehörig oder anders zu sein, kann bei Schizoiden dann ausgelöst werden, wenn deutlich wird, wie sehr sie sich von anderen unterscheiden. Vielen wird das besonders bewusst, wenn sie andere direkt beobachten, Filme sehen oder Bücher lesen, die von Beziehungen handeln. In solchen Situationen können schizoide Menschen den Gedanken entwickeln, dass sie Eigenbrötler sind, die nicht in die Gesellschaft passen. Es resultiert aus diesem Gefühl des Andersseins typischerweise allerdings keine feindselige Haltung gegenüber anderen und es herrscht bei Betroffenen oft das Motto „leben und leben lassen“ vor.

Sehr oft ist ein Gefühl der Entfremdung, des Unbeteiligtseins oder der Dissoziation von der Welt oder dem eigenen Empfinden vorhanden, das zu Gefühlen der Unwirklichkeit und Depersonalisation führen kann. Hierfür wurden über die Zeit verschiedene Metaphern gefunden: Das Selbst als unverkörpert oder das Erleben, ein wandelnder Kopf zu sein, das Gefühl einer Milchglasscheibe oder unsichtbaren Trennwand zwischen sich und anderen Menschen, das Leben als Schwarz-Weiß-Film, das Gefühl, in einem Goldfischglas zu sitzen oder Jacques Cousteau zu sein, der das Unterwasserleben beobachtet. Nicht selten beginnen sie eine Psychotherapie auch deshalb, weil sie eine intime Beziehung eingehen wollen, aber beim Versuch dazu jedes Mal ausschließlich innere Distanz entsteht.

Schule und Beruf

Soweit die Voraussetzungen bestehen, entwickeln schizoide Persönlichkeiten nicht selten ein hohes Maß an intellektueller Differenziertheit. Viele Schizoide sind „Kopfmenschen“ und neigen zu einer ausgeprägten Betonung des Verstandes mit einem Rückzug ins Denken („Flucht in den Intellekt“, siehe auch Intellektualisierung). Obwohl sie dadurch eher für geistige Reize statt für sinnliche Genüsse empfänglich sind, besitzen manche dennoch einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik und Schönes. Als Stärke wird neben dem zum Abstrakten neigenden Denken, das oft neue Sichtweisen ermöglicht, auch Selbstironie als häufige Ressource erwähnt.

Beruflich neigen schizoide Menschen verstärkt zu theoretischen Arbeitsfeldern sowie Tätigkeiten, die allein oder in konstanten Kleingruppen durchgeführt werden. Dazu zählen auch Dienstleistungsberufe, in denen die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Kunden und Anbieter begrenzt und durch soziale Normen zu einem erhöhten Grade formalisiert sind. Wo die berufliche Tätigkeit alleine und sozial isoliert möglich ist, können gelegentlich äußerst gute Leistungen erreicht werden. Es gibt allerdings auch Betroffene mit hohen kompensatorischen Fähigkeiten, die – laut einigen Autoren – sogar Berufe wählen, bei denen wenig formalisierte soziale Beziehungen eine große Rolle spielen. Oft dient Arbeit schizoiden Menschen auch als Schutz vor Einsamkeit, da der Arbeitsplatz gut regulierbare, steuerbare und begrenzte soziale Kontakte beinhaltet. Manche neigen deshalb dazu, besonders viel zu arbeiten. Mitunter kommt es allerdings auch vor, dass sie sehr einfache Tätigkeiten verrichten, die unter ihren Fähigkeiten liegen.

In der Schule liefern sie teils ebenfalls schlechte Leistungen, die ihren intellektuellen Fähigkeiten nicht entsprechen (Minderleistung).

Krankheitswert

Die beschriebenen Verhaltensweisen gelten nur dann als Persönlichkeitsstörung (PS), wenn sie chronisch, unflexibel und extrem ausgeprägt sind. Bei milderen Formen spricht man dagegen von einer schizoiden Persönlichkeit oder schizoiden Persönlichkeitszügen. Solche Persönlichkeitszüge werden heute nicht mehr als starre Kategorien verstanden (wie sie noch im DSM-5 und der ICD-10 gebräuchlich waren), sondern als Kontinuum, das von gesunden Ausprägungen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen mit hohem Leidensdruck reicht. Krankhaft werden solche Züge erst dann, wenn sie starr und unangemessen sind und zu Leiden oder Beeinträchtigungen führen.

Lebensqualität

Es gilt als gut gesichert, dass Menschen mit schizoider PS zu den am stärksten eingeschränkten unter den Betroffenen von Persönlichkeitsstörungen gehören. Als negative Folgen einer schizoiden PS wurden bisher beobachtet:

  • deutlich geringere Lebensqualität,
  • ungünstiger Einfluss auf das psychische Funktionsniveau über 15 Jahre hinweg (niedrigere GAF-Werte),
  • eine der geringsten Stufen an „Lebenserfolg“ von allen Persönlichkeitsstörungen (definiert als sozialer Status, Wohlstand und erfolgreiche intime Beziehungen)
  • und hohe Raten komorbider Depressionen und Angststörungen.

Schizoide Persönlichkeitszüge zeigen ein hohes Ausmaß an Stabilität über die Zeit.

Suizidalität

Schizoide Merkmale (wie emotionale Distanziertheit und ein einzelgängerischer Lebensstil) hängen mit Suizidversuchen zusammen. Personen mit diesen Merkmalen hatten in einer Studie etwa doppelt so häufig einen lebensbedrohlichen Suizidversuch unternommen, selbst wenn begleitende Depressionen, Hoffnungslosigkeit und empfundenes psychisches Leiden berücksichtigt wurden. Die Autoren empfehlen daher, bei der klinischen Einschätzung des Suizidrisikos auch gezielt nach schizoiden Merkmalen zu fragen, da diese ein Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für besonders gefährliche Suizidhandlungen sein können. Beispielhaft genannt werden diese Fragen:

  • Haben Sie enge Freunde?
  • Würden Sie sagen, dass Sie einen eher zurückgezogenen Lebensstil führen?
  • Würden Sie sich als distanziert oder emotional zurückhaltend beschreiben?

Diagnose

DSM-5

Laut DSM-5 handelt es sich um ein tiefgreifendes Muster, das durch Distanziertheit in sozialen Beziehungen und eine eingeschränkte Bandbreite des Gefühlsausdrucks im zwischenmenschlichen Bereich gekennzeichnet ist. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und das Muster zeigt sich in verschiedenen Situationen. Mindestens vier der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Hat weder den Wunsch nach engen Beziehungen noch Freude daran, auch nicht, Teil einer Familie zu sein.
  2. Wählt fast immer einzelgängerische Unternehmungen.
  3. Hat, wenn überhaupt, wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen.
  4. Wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude (Anhedonie).
  5. Hat keine engen Freunde oder Vertraute, außer Verwandten ersten Grades.
  6. Erscheint gleichgültig gegenüber Lob und Kritik von Seiten anderer.
  7. Zeigt emotionale Kälte, Distanziertheit oder eingeschränkte Affektivität.

Die Symptome dürfen nicht durch eine andere Störung besser erklärt werden können (z. B. Schizophrenie, bipolare Störung oder depressive Störung mit psychotischen Merkmalen, eine andere psychotische Störung oder eine Autismus-Spektrum-Störung).

ICD-10

Die ICD-10 führt die schizoide Persönlichkeitsstörung unter F60.1 auf. Mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen vorliegen:

  1. wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude (Anhedonie);
  2. emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachte Affektivität;
  3. reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle oder auch Ärger anderen gegenüber auszudrücken;
  4. erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen;
  5. wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen (unter Berücksichtigung des Alters);
  6. fast immer Bevorzugung von Aktivitäten, die allein durchzuführen sind;
  7. übermäßige Inanspruchnahme durch Fantasien und Introspektion;
  8. hat keine oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvollen Beziehungen (oder höchstens eine);
  9. deutlich mangelndes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. Wenn sie nicht befolgt werden, geschieht das unabsichtlich.

ICD-11

Die ICD-11 klassifiziert keine schizoide Persönlichkeitsstörung mehr als eigene Kategorie, für die eine bestimmte Anzahl an Diagnosekriterien erfüllt sein müssen. Es gibt stattdessen die allgemeine Diagnose einer Persönlichkeitsstörung mit verschiedenen Schweregraden, bei der durch sogenannte Merkmalsdomänen die strukturellen Merkmale der Persönlichkeit beschrieben werden können. Wenn die allgemeinen Voraussetzungen für die Diagnose 6D10 Persönlichkeitsstörung vorliegen, können beteiligte schizoide Züge durch das Merkmal 6D11.1 Distanziertheit angegeben werden. Hierdurch wird die Tendenz zu emotionaler und zwischenmenschlicher Distanz beschrieben. Dazu gehören mögliche Eigenschaften wie Vermeidung sozialer Interaktionen, Mangel an Freundschaften, Vermeidung von Intimität, Zurückhaltung, Unnahbarkeit und Einschränkungen im Ausdruck und Erleben von Emotionen.

Kritik an der deskriptiven Diagnose

Das Konzept der schizoiden Persönlichkeitsstörung in den Diagnosesystemen, wie es seit dem DSM-III und bis einschließlich zur ICD-10 und dem DSM-5-TR bestand, wurde allgemein als Fortschritt gesehen. Dennoch kritisierten manche, dass es zu inhaltsarm, realitätsfern und unabhängig vom sozialen Kontext sei. Die Kritik fokussierte sich hierbei im Wesentlichen auf drei Bereiche.

Aufteilung des ursprünglichen Konzepts

Ernst Kretschmer beschrieb in seiner Konstitutionslehre (1921) einen fließenden Übergang von Gesundheit zu Krankheit: Von den Schizothymen (gesund) – über die Schizoiden (Grenzfall) – bis zu den Schizophrenen (krankhaft). Typisch für den schizoiden Charakter waren laut ihm das „In-sich-hinein-Leben“ und Kontaktschwäche. Er betonte hierbei das Pendeln zwischen zwei gegensätzlichen Eigenschaftspolen: Einerseits seien Schizoide zwar überempfindlich (hyperästhetisch), d. h. leicht verletzbar und reizbar, empfindsam, launisch, nervös, exzentrisch. Paradoxerweise wären sie aber gleichzeitig auch unempfindlich (anästhetisch), also unterkühlt, Kontakte schroff ablehnend, farblos und gleichgültig. Dabei verstecke sich hinter einer stumpfen, schwer durchdringbaren Verhaltensmaske eine tiefe gemütsmäßige Ansprechbarkeit.

Seit 1980 jedoch wurde die Definition der schizoiden Persönlichkeitsstörung auf die unempfindlichen Eigenschaften begrenzt – die überempfindlichen Merkmale dagegen ordnete man der schizotypischen und ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung zu. Dadurch wurde der schizoide Charakter in drei getrennte Persönlichkeitsstörungen unterteilt.

Zurück ging diese Differenzierung ursprünglich auf die Arbeit Theodore Millons, der auf Kretschmers Beschreibung von hyperästhetischen und anästhetischen Schizoiden zurückgriff und darin getrennte Subtypen sah, die sich laut ihm grundlegend in ihrer Motivation unterscheiden. Millon konzeptualisierte die schizoide Persönlichkeit daraufhin in seiner erstmals 1969 veröffentlichten Theorie als passiv distanziert, affektiv weitgehend unempfindlich und teilnahmslos, die ängstlich-vermeidende Persönlichkeit hingegen als aktiv distanziert aufgrund interpersoneller Ängste. Laut ihm führen sowohl positive als auch negative emotionale Reize bei schizoiden Personen nur zu schwachen Verstärkungseffekten, sodass Nähe oder Zurückweisung überwiegend als emotional neutral erlebt werden. Die Folge davon ist sozialer Rückzug aufgrund fehlender Motivation und dem Empfinden von Nähe als nicht lohnend. Laut ihm verfügen schizoide Menschen auch über ein (von ihm selbst als spekulativ bezeichnetes) angeborenes emotionales Defizit, welches zu dieser Unempfindlichkeit sowohl gegenüber positiven als auch negativen Reizen beitrage.

Kritisiert wurde an dieser Theorie, dass sie empirisch nicht ausreichend untermauert sei und auch nicht klinischen Erfahrungen entspreche. Insbesondere sei die angenommene Unempfindlichkeit gegenüber positiven und negativen Reizen nicht geeignet, um sozialen Rückzug und weitgehende Isolation zu erklären. Es wurde auch angemerkt, dass Kretschmer inkorrekt wiedergegeben wurde, der die Typen als Pole eines Kontinuums sah, auf dem sich jeder Betroffene bewege und nicht als voneinander klar unterscheidbare Subtypen. Kretschmers dimensionaler Ansatz wurde vor diesem Hintergrund als nach wie vor bedeutsam hervorgehoben.

Seit der erstmaligen psychodynamischen Konzeptualisierung der Schizoidie durch William R. D. Fairbairn wurden allerdings bereits lange vor 1980 insbesondere die distanzierten, kühlen und ungeselligen Seiten schizoider Menschen betont. So schrieben auch Sabine Herpertz und Peter Fiedler: „Andererseits entspricht die damalige Einsetzung wesentlichen Vorstellungen, wie sie zu diesem Störungsbild durchgängig in der Psychoanalyse vertreten wurden.“

Behauptung des fehlenden Beziehungswunsches

Es wurde kritisiert, dass die Diagnosekriterien das Unbehagen schizoider Menschen in Beziehungen vorschnell in das Diagnosekriterium „Hat weder den Wunsch nach engen Beziehungen noch Freude daran […]“ übersetzt haben. Dies stelle eine Generalisierung eines Extremfalls dar und könne bei Behandelnden den Eindruck erwecken, therapeutische Fortschritte seien mit schizoiden Patienten kaum möglich. In der Folge werde die Störung selten gelehrt, wenig verstanden und es existierten nur wenige Behandlungsempfehlungen. Auch führe es dazu, dass die Erfahrungen von Depression und Niedergeschlagenheit bei Betroffenen unterschätzt werden.

Laut Salman Akhtar verkenne das DSM die Bedeutung, die soziale Beziehungen für schizoide Menschen haben und beschränke sich stattdessen auf eine gleichgültige und desinteressierte Fassade.

Unzureichende Beschreibung

Theodore Millon kritisierte am DSM, dass die Diagnose der schizoiden PS rein negativ definiert sei, d. h., es wird dort nur angegeben, welche Merkmale fehlen – aber nicht, welche vorhanden sind. Das lasse die schizoide PS wie eine „Persönlichkeitsstörung ohne Persönlichkeit“ bzw. als „Defizit-Syndrom“ oder „Vakuum“ erscheinen und erschwere ihre Erforschung sehr. Seiner Meinung nach sind die schizoide und die histrionische Persönlichkeitsstörung in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil voneinander. Auch Otto Kernberg bezeichnete die Definition der schizoiden Persönlichkeitsstörung als diffus und unpräzise und erklärte, dass ihre Erforschung erschwert sei.

Salman Akhtar hob positiv hervor, dass die Beschreibung im DSM durch Wörter wie „zeigt“ oder „erscheint“ teils subtil deutlich macht, dass es sich um Beschreibungen der Außenwirkung handelt. Er merkte jedoch an, dass die Kriterien zahlreiche typische schizoide Eigenschaften auslassen, die bis dahin gut beschrieben waren:

  • das schizoide Dilemma: Gefühle von Verschlungenwerden in Beziehungen, Einsamkeit außerhalb von Beziehungen
  • das reiche Fantasieleben (In der ICD allerdings vorhanden, siehe Kriterium 7.)
  • unklare Lebensziele
  • Depersonalisation
  • Gefühle innerer Leere
  • Intellektualisierung
  • ausgeprägte Hypersensitivität
  • fehlender äußerer Ausdruck von Aggression (In der ICD allerdings vorhanden, siehe Kriterium 3.)

Als weitere durch die Kriterien nicht beschriebene Eigenschaften wurden genannt: Die ausgeprägte Introversion, permanente Ambivalenz in Bezug auf Beziehungen („Oszillation in und aus Beziehungen“), Leugnung von Bedürfnissen und ein omnipotentes (allmächtiges) Selbstbild.

Psychoanalytische Konzeptionen

Vonseiten psychoanalytischer Autoren wurden Versuche unternommen, schizoide Persönlichkeiten auf eine Weise zu erfassen, die über eine reine Beschreibung des äußeren Eindrucks hinausgeht. Als eine im deutschen Sprachraum besonders einflussreiche allgemeinverständliche Beschreibung gilt das Kapitel Die schizoiden Persönlichkeiten aus Fritz Riemanns erstmals im Jahr 1961 erschienenen Buch Grundformen der Angst. Seine Beschreibung entspricht allerdings auch innerhalb der Psychoanalyse nur noch in Teilen dem heutigen Verständnis schizoider Persönlichkeiten. Weitere psychoanalytische Ansätze, die auch das innere Erleben schizoider Menschen mit einbeziehen, sollen nachfolgend vorgestellt werden.

Guntrip-Kriterien

Harry Guntrip beschrieb erstmals 1951 neun Merkmale zur Definition schizoider Persönlichkeiten. Es handelte sich um den ersten bedeutenden Ansatz einer diagnostischen Erfassung und Abgrenzung schizoider Patienten anhand konkreter Kriterien. Diese Kriterien schließen Objektbeziehungen, Abwehrmechanismen und andere phänomenologische Aspekte aus psychodynamischer Perspektive ein, welche von den 1980 veröffentlichten deskriptiven Kriterien des DSM nicht miterfasst wurden. Die nachfolgende Erklärung seiner Kriterien folgt der Beschreibung von Ralph Klein.

Introversion

Introversion gilt laut Guntrip als zentrales Merkmal schizoider Persönlichkeiten. Sie bezeichnet eine vorwiegend nach innen gerichtete psychische Orientierung, bei der sich die emotionale Energie von der äußeren Realität abwendet und auf das innere Erleben konzentriert. Betroffene neigen dazu, ein ausgeprägtes inneres Fantasieleben zu entwickeln, das ihnen Sicherheit und Stabilität vermittelt. Die Außenwelt wird dagegen häufig als potenziell gefährlich oder überfordernd erlebt, weshalb der Rückzug in die innere Welt eine Schutzfunktion erfüllt.

Verschlossenheit

Verschlossenheit beschreibt bei Guntrip die nach außen sichtbare Seite der Introversion. Sie zeigt sich in einer emotionalen oder sozialen Distanziertheit von der Umwelt, die jedoch nicht zwangsläufig als Gleichgültigkeit zu verstehen ist. Manche Betroffenen wirken still, scheu oder vermeidend, während andere nach außen hin gesellig und kontaktfreudig erscheinen, innerlich jedoch ein starkes Gefühl der Abgeschiedenheit erleben. Diese innere Distanz dient dem Schutz vor als bedrohlich empfundenen Bindungen und spiegelt den Versuch wider, ein sicheres inneres Gleichgewicht zu bewahren. Verschlossenheit kann daher offen zutage treten oder verdeckt bleiben, etwa hinter einer freundlichen, angepassten Fassade.

Narzissmus

Der Begriff wird von Guntrip im Sinne Freuds benutzt (siehe Freuds Narzissmusbegriff). Er beschreibt damit, dass schizoide Persönlichkeiten scheinbar ihre libidinöse Energie auf sich selbst richten, weil sie auch ihre Liebes- und Bindungswünsche nach innen verlagern und Beziehungen zu anderen Menschen sich überwiegend in ihrer Fantasie abspielen. Teils kann eine starke Identifikation mit diesen verinnerlichten Bildern anderer Personen entstehen. Er beschreibt eine Patientin, die sich zum Trost an ihre eigene Schulter anlehnt, damit aber eigentlich nicht sich selbst, sondern ihre Mutter meint. Außerdem schildert er, dass hierdurch auch scheinbare Aggressionen gegen die eigene Person entstehen können: Eine seiner Patientinnen, die in der Realität nicht sichtbar wütend auf eine andere Person sein konnte, schlug sich stattdessen selbst, nachdem sie wieder allein war. Was hier als Narzissmus bezeichnet wird, unterscheidet sich somit grundlegend von den Merkmalen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung: Es hat nichts mit einem pathologischen Größenselbst oder mit Neid zu tun, sondern beschreibt die Fähigkeit schizoider Menschen, allein zu sein und Affekte ohne Einbezug realer anderer zu regulieren.

Selbstgenügsamkeit

Selbstgenügsamkeit bezeichnet die ausgeprägte Fähigkeit schizoider Persönlichkeiten, ihre emotionalen Bedürfnisse weitgehend unabhängig von anderen zu regulieren. Da zwischenmenschliche Abhängigkeit häufig mit Angst oder dem Gefühl von Bedrohung verbunden ist, entwickeln Betroffene ein starkes Bedürfnis nach Unabhängigkeit und innerer Kontrolle. Diese Haltung entsteht meist früh als Anpassung an eine Umwelt, die als emotional unzuverlässig erlebt wurde. Der damit verbundene Rückzug in die eigene Autonomie ermöglicht Sicherheit, führt jedoch auch zu sozialer Isolation. Charakteristisch ist oft ein überreifes, „erwachsenes“ Verantwortungsgefühl bereits im Kindesalter, das als Ersatz für fehlende äußere Unterstützung dient.

Überlegenheitsgefühle

Überlegenheitsgefühle dienen schizoiden Persönlichkeiten als psychologischer Schutzmechanismus. Durch die Vorstellung, „über“ anderen zu stehen oder ihnen distanziert gegenüberzustehen, wird eine sichere emotionale Entfernung gewahrt. Diese Form der Überlegenheit unterscheidet sich vom grandiosen Selbstbild narzisstischer Persönlichkeiten: Sie dient nicht primär der Selbstaufwertung, sondern dem Schutz vor Nähe und Abhängigkeit. Die empfundene Distanz vermittelt Kontrolle und Unabhängigkeit und hilft, die als riskant erlebte Verletzlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen zu vermeiden.

Affektverlust

Affektverlust bezeichnet bei schizoiden Persönlichkeiten eine verminderte Fähigkeit, Gefühle nach außen auszudrücken oder emotionale Resonanz in Beziehungen herzustellen. Diese Einschränkung entsteht nicht durch Gefühllosigkeit, sondern als Folge der starken Selbstbezogenheit und des Bedürfnisses nach innerer Sicherheit. Da emotionale Offenheit als potenziell gefährlich erlebt wird, werden Affekte kontrolliert oder unterdrückt, um das innere Gleichgewicht zu bewahren. Viele Betroffene berichten nicht von einem Mangel an Emotionen, sondern von einer Unsicherheit darüber, was sie empfinden oder wie sie Gefühle ausdrücken können.

Einsamkeit

Einsamkeit gilt bei Guntrip als unvermeidliche Folge der schizoiden Introversion und der Abkehr von äußeren Beziehungen. Obwohl der Rückzug als Schutz vor Bedrohung dient, bleibt ein tiefes Bedürfnis nach Nähe und emotionaler Verbundenheit bestehen. Nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen ist der Wunsch nach Bindung nahezu erloschen.

Depersonalisation

Depersonalisation tritt meist in Situationen auf, die als emotional überwältigend oder bedrohlich erlebt werden, und dient als kurzfristige Schutzreaktion gegen übermäßige Angst. Betroffene berichten häufig, sich wie außerhalb ihres Körpers zu befinden oder die eigene Person und Umgebung wie von außen zu beobachten. Diese Form der Selbstentfremdung unterscheidet sich von chronischer Gefühllosigkeit: Sie ist eine akute Reaktion, die vor innerer Überflutung bewahren soll. Depersonalisation stellt somit eine Fortsetzung des schizoiden Grundmusters dar, Distanz zu schaffen, um psychische Sicherheit zu erhalten.

Regression

Regression bezeichnet bei Guntrip die Tendenz des schizoiden Menschen, sich innerlich von der als überwältigend erlebten Außenwelt zurückzuziehen und in frühere, psychisch sichere Zustände zu fliehen. Diese Bewegung erfolgt sowohl nach innen – in eine Welt der Fantasie und Selbstgenügsamkeit – als auch „zurück“, im Sinne eines unbewussten Wunsches nach Rückkehr in einen Zustand völliger Geborgenheit.

Akhtars Modell

Salman Akhtar veröffentlichte 1987 als Alternative zu den deskriptiven Diagnosekriterien ein umfassendes phänomenologisches Profil, das sowohl klassische psychoanalytische als auch deskriptive Beobachtungen berücksichtigt.

Sein Modell ist in untenstehender Tabelle zusammengefasst. Die erste Spalte beschreibt sechs psychologische Funktionsbereiche. Jeder Bereich enthält bestimmte Charakterzüge und Verhaltensweisen, die weiter in zwei Gruppen unterteilt sind – in direkt sichtbare und in verborgene Merkmale. Beide Gruppen stellen jedoch keine Subtypen dar und die Bezeichnungen beziehen sich auch nicht auf bewusste oder unbewusste Vorgänge. Stattdessen stehen sie Akhtar zufolge für mehr oder weniger leicht erkennbare, widersprüchlich erscheinende Aspekte, die gleichzeitig innerhalb einer Person vorhanden sind. Zudem betont diese Art der Symptomeinteilung laut ihm die zentrale Bedeutung der Spaltung und Identitätsverwirrung für das Verständnis der schizoiden Persönlichkeit. Da es sich um ein allgemeines Modell handelt, trifft naturgemäß nicht jedes Merkmal auf jeden Einzelfall zu.

Bereich Sichtbare Merkmale (overt) Verdeckte Merkmale (covert)

Selbstkonzept

  • folgsam und kooperativ
  • stoisch, erträgt gleichmütig
  • meidet Wettbewerb und Rivalität
  • selbstgenügsam, auf keinen angewiesen
  • nicht durchsetzungsorientiert
  • hält sich für minderwertigen Außenseiter
  • zynisch
  • unecht, nicht authentisch
  • entpersönlicht oder depersonalisiert
  • fühlt sich abwechselnd leer, roboterhaft oder voller rachsüchtiger Allmachtsphantasien
  • verborgene Grandiosität

Beziehungen

  • zurückgezogen
  • abgehoben und unnahbar
  • wenig enge Freunde
  • emotional „undurchlässig“
  • Gefühle anderer „perlen ab“
  • Angst vor Nähe und Intimität
  • sehr sensibel und feinfühlig
  • tiefe Neugier gegenüber anderen
  • liebeshungrig
  • Neid auf ungezwungene Spontanität anderer
  • starke Sehnsucht nach Kontakt zu anderen
  • bei ausgesuchten Vertrauten begeisterungsfähig

Soziale Anpassung

  • in Beruf und Freizeit bevorzugt alleine
  • kaum gesellig, nur in ausgewählten Gruppen
  • anfällig für Esoterikbewegungen wegen starken Zugehörigkeitsbedürfnisses
  • eher träge und indifferent
  • keine Klarheit über eigene Ziele
  • schwache ethnische Verwurzelung
  • meist in der Lage, beständig zu arbeiten
  • ziemlich kreativ, könnte besondere und originelle Beiträge leisten
  • leidenschaftliche Ausdauer bei bestimmten Interessensgebieten

Liebe und Sex

  • kaum Interesse an Sex
  • kein Interesse an Romantik
  • lehnt sexuellen Klatsch und Frivolitäten ab
  • geheime voyeuristische Interessen
  • Tendenz zu Erotomanie
  • neigt zu zwanghaften Perversionen

Werte und Ideale

  • idiosynkratische moralische und politische Ansichten
  • Hang zu Spiritualität, Mystik und Parapsychologie
  • moralische Ungleichmäßigkeit
  • vereinzelt auffallend unmoralisch, anfällig für skurrile Straftaten
  • später dann aber selbstlos und aufopferungsvoll

Art des Denkens

  • geistesabwesend
  • in Phantasien vertieft
  • verschwommene und gekünstelte Sprache
  • Eloquenz wechselt ab mit unklarem Ausdruck
  • autistischer Denkstil (intensives Reflektieren über eigenes Seelenleben)
  • schwankt zwischen „Selbstbeschau“ und scharfem Kontakt mit der Außenwelt
  • selbstzentrierte Benutzung der Sprache

Abgrenzung

Eine Herausforderung bei der Diagnostik ist die Überlappung mit anderen Persönlichkeitsstörungen oder Erkrankungen und das häufige Auftreten von Komorbiditäten.

Schizophrenie und schizotype Störung

Die Symptome der schizoiden PS überschneiden sich mit den Negativsymptomen der Schizophrenie. Historisch wurden schizoide Persönlichkeitszüge als prämorbid für die Schizophrenie bzw. das Auftreten psychotischer Symptome betrachtet. Ein eindeutiger genetischer Zusammenhang zur Schizophrenie konnte empirisch allerdings lediglich für die schizotype Störung nachgewiesen werden, deren Symptome sich teils stark mit der schizoiden PS überschneiden. Menschen mit schizotyper Störung zeigen jedoch in Verhalten, Sprache und Wahrnehmung deutlich stärkere Auffälligkeiten als schizoide Personen. Dazu gehören etwa esoterisches und magisches Denken, sprachliche Besonderheiten und eine stärkere Ambivalenz in der Kontaktaufnahme.

Die empirischen Daten zum Zusammenhang zwischen schizoider PS und Schizophrenie sind widersprüchlich und lückenhaft, da in früheren Studien oft aus schizotypen Gruppen auf schizoide geschlossen wurde. Es existieren keine gesicherten empirischen Belege für einen Zusammenhang zwischen schizoider Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie. Wenn für die schizoide PS ein signifikanter genetischer Zusammenhang mit der Schizophrenie nachgewiesen werden kann, so fällt dieser schwach aus. Eine Zwillingsstudie fand auch für den Zusammenhang mit der schizotypen Störung nur eine niedrige genetische Überlappung in Höhe von 26 %. Sie liegt damit unter der der paranoiden PS, welche laut derselben Studie zu 43 % eine gemeinsame genetische Basis mit der schizotypen Störung teilt.

In der heutigen Psychiatrie wird mehrheitlich kein ätiologischer Zusammenhang zwischen schizoider PS und Schizophrenie sowie schizotyper Störung mehr angenommen. Aktuellere Ansätze sehen in der Schizoidie stattdessen einen temperamental und charakterologisch bedingten Persönlichkeitszug, der dimensional (d. h. kontinuierlich) verteilt ist und im Extremfall zur Persönlichkeitsstörung führt, indem er die ganze Persönlichkeit dominiert. Autoren, die schizoide Personen dennoch weiterhin als Teil eines Schizophrenie-Spektrums betrachten, verorten sie am Rand dieses Spektrums und betonen das Fehlen psychotischer Symptome. Das Auftreten von Positivsymptomen schließt die Diagnose einer schizoiden Persönlichkeitsstörung aus.

Negativsymptome können auch noch bei anderen nicht-psychotischen Störungen auftreten. Zu nennen sind hier insbesondere die Bipolare Störung, Depressionen und Dysthymie, PTBS, die Autismus-Spektrum-Störung sowie neurokognitive Störungen.

Bei der schizoiden PS werden keine für die Behandlung der Schizophrenie zugelassenen Medikamente eingesetzt. Die Evidenz spricht gegen die Wirksamkeit pharmakologischer Behandlungen der schizoiden Persönlichkeitsstörung, mit Ausnahme gegebenenfalls auftretender Begleiterkrankungen.

Ängstlich-Vermeidende Persönlichkeitsstörung

Anders als bei der schizoiden PS ist es bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung (ÄVPS) vor allem die Angst vor Beschämung und dem ablehnenden Werturteil der anderen, die den Betroffenen den Kontakt erschwert. Auch ist für Menschen mit ÄVPS internalisierte Scham, ein niedriger Selbstwert (Minderwertigkeitskomplex) und ein stärkeres Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit typisch, für schizoide Personen hingegen soziale Anhedonie: „Ihnen ist die zu große Nähe durch Beziehungen selbst die Pein […]“ (Gerhard Dammann).

Da es jedoch auch deutliche Ähnlichkeiten gibt und beide Störungen erst 1980 in zwei Kategorien geteilt wurden, wurde immer wieder argumentiert, dass die schizoide PS und die ÄVPS unterschiedliche Varianten derselben Störung sind. Eine Studie identifizierte einen gemeinsamen genetischen Faktor bei beiden Störungen, der mit Introversion und einer Neigung zu sozialem Rückzug zusammenhängt.

Aus Sicht des Fünf-Faktoren-Modells (Big Five) zeichnen sich ängstlich-vermeidende Personen im Vergleich zu schizoiden Personen durch stark erhöhte Werte auf der Dimension Neurotizismus aus. Diese weist zwar bei allen Persönlichkeitsstörungen – auch der schizoiden – erhöhte Werte auf, erreicht bei der ÄVPS allerdings ein Niveau wie sonst nur bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Nach ICD-11 werden sie deshalb zusätzlich zu 6D11.1 Distanziertheit auch durch das Merkmal 6D11.0 Negative Affektivität erfasst.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Bei der schizoiden PS können (verborgene) Überlegenheits- und Allmachtsgefühle, eine hohe Selbstgewissheit und schroffes Verhalten auftreten. Der wichtigste Unterschied zur narzisstischen PS besteht darin, dass der Selbstwert von Menschen mit reiner schizoider PS weitgehend unabhängig bzw. nicht in einem pathologischen Ausmaß von anderen Menschen abhängig ist (siehe auch Selbstobjekt). Schizoide Menschen sind in einem erheblich geringeren Maß auf Akzeptanz und Wertschätzung anderer angewiesen als narzisstische Menschen. Damit einhergehend fehlt auch die für die narzisstische PS typische narzisstische Wut und die Entwertung oder sogar Demütigung anderer zur Steigerung des Selbstwertgefühls. Schizoide sind aufgrund ihres unabhängigen Selbstwerts kaum bis gar nicht neidisch auf andere und nicht so anfällig für Scham wie narzisstische Menschen. Typisch ist auch, dass schizoide Personen wenig mit Lob anfangen können, während narzisstische Personen geradezu darauf angewiesen sind. Manchmal wird Bewunderung durch andere und damit einhergehende Aufmerksamkeit sogar als unangenehm empfunden.

Die bei schizoiden Personen auftretenden Allmachtsgefühle sind ein Nebenprodukt ihrer ausgeprägten Selbstgenügsamkeit und Betonung der Autarkie („Ich lasse mich nicht beeinflussen“, „Was andere Leute denken ist mir egal“, „Ich kann alles alleine bewältigen, ohne Hilfe anderer“). Sie dienen vor allem der Schaffung von (negativer) Freiheit und nicht primär dazu, Macht oder Überlegenheit über andere zu erhalten. Narzisstische Grandiosität hingegen dient der Selbstwertregulation und ist eine Reaktion auf das Gefühl von Machtlosigkeit. Im Gegensatz zu stark narzisstischen Personen sind schizoide Personen deshalb auch nicht wettbewerbsorientiert oder ausbeuterisch gegenüber anderen.

Das Beziehungsverhalten von Menschen mit leichteren schizoiden Zügen, die Beziehungen noch nicht vollständig vermeiden, kann teilweise ebenfalls an das Beziehungsverhalten narzisstischer Menschen erinnern. Beiden Störungsbildern liegen allerdings unterschiedliche Motive zugrunde: Narzisstischen Menschen geht es grundsätzlich um die Aufrechterhaltung eines instabilen und von anderen abhängigen Selbstwertgefühls, weswegen sie (emotionale) Abhängigkeit von anderen vermeiden oder Beziehungen verlassen, wenn sie wütend sind, den Partner nicht mehr idealisieren oder Bestätigung von jemand anderem erhalten wollen. Ähnliches Verhalten resultiert bei schizoiden Menschen daraus, dass sie sich in Beziehungen gefangen fühlen und äußere Kontrolle durch andere vermeiden wollen.

Deutliche Unterschiede zwischen beiden Störungsbildern bestehen aus bindungstheoretischer Perspektive: So zeigte eine große Metastudie, dass typischer grandioser Narzissmus keine signifikante Korrelation zu bestimmten Bindungstypen aufweist und somit auch nicht durch Bindungsunsicherheit erklärt werden kann. Verdeckter, vulnerabler Narzissmus (der sich durch Introversion, starke Kränkbarkeit, einen schwankenden Selbstwert und ebenfalls starkes Angewiesensein auf externe Bestätigung auszeichnet) zeigte den stärksten Zusammenhang mit verstrickter (preoccupied, r = 0.43) und ängstlich-vermeidender (fearful, r = 0.31) Bindung und nur einen schwachen zur abweisend-vermeidenden (dismissive, r = 0.15) Bindung. Schizoide Menschen zeichnen sich hingegen nahezu immer durch den unsicher-vermeidenden bzw. abweisend-vermeidenden Bindungstyp aus.

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Personen mit stark ausgeprägter zwanghafter PS neigen ebenfalls zum Verzicht auf soziale Beziehungen oder wirken emotional hölzern und unerreichbar. Umgekehrt können schizoide Personen zwanghaft wirkende Verhaltensweisen entwickeln. Beide neigen außerdem zu ausgeprägter Intellektualisierung.

Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass sozialer Rückzug bei zwanghaften Menschen aus einer übermäßigen Beschäftigung mit arbeitsbezogenen Aktivitäten resultiert, sie jedoch im Gegensatz zu schizoiden Menschen prinzipiell zu Beziehungen fähig und deshalb auch gesellig sind. Zwanghafte Menschen verleugnen ihre Emotionen häufig, während Schizoide sie innerlich identifizieren und ihren Ausdruck vermeiden. Von psychoanalytischer Seite wurde in diesem Zusammenhang auf den unterschiedlichen Einsatz der Intellektualisierung bei beiden Störungen verwiesen: Zwanghafte Menschen nutzen diese, um Emotionen zu vermeiden, während Intellektualisierung für schizoide Menschen ein Weg sein kann, emotionale Inhalte auszudrücken.

Der relevanteste Unterschied zwischen beiden Störungen besteht darin, dass zwanghafte Menschen sich in moralischen Fragen starr an ein klar definiertes System halten und großen Wert auf gesellschaftliche Normen legen. Ihnen ist deshalb die Einhaltung sozialer Konventionen und ihr Ansehen innerhalb ihrer sozialen Bezugsgruppe besonders wichtig, während schizoide Menschen hier ausgesprochen gleichgültig sein können. Wenn bei zwanghaften Personen Überlegenheitsgefühle auftreten, beziehen sich diese für gewöhnlich auch auf die Einhaltung ihrer eigenen perfektionistischen Maßstäbe, während sie bei schizoiden Menschen aus ihrem Gefühl der Selbstgenügsamkeit resultieren.

Aus Sicht der Big Five korreliert Introversion zwar leicht mit der zwanghaften PS, allerdings resultiert zwanghaftes Verhalten hauptsächlich aus einer unangepasst hohen Ausprägung der Dimension Gewissenhaftigkeit.

Autismus

Die Autismus-Spektrum-Störung zählt zu den neuromentalen Entwicklungsstörungen, welche während der neuronalen Entwicklung entstehen. Nach aktuellem Kenntnisstand ist Autismus bereits bei der Geburt vorhanden. Neuromentale Entwicklungsstörungen sind in der ICD-11 allen anderen psychischen Störungskategorien vorangestellt. Autismus ist ein komplexes und heterogenes Störungsbild, das mit anhaltenden Defiziten der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie unflexiblen und stereotypen Wahrnehmungs-, Interessen- und Aktivitätsmustern einhergeht. Es umfasst ein Spektrum, das als gesunde Normvariante bis weit in den neurotypischen Bereich hineingeht.

Bei Autismus können die Negativsymptome Affektverflachung, Alogie und Asozialität (sozialer Rückzug und eingeschränktes soziales und sexuelles Interesse) auftreten, ohne dass dem eine Persönlichkeitsstörung zugrunde liegt. Autismus korreliert außerdem mit Introversion. Es gilt als ein bekanntes Problem, dass Menschen aus dem Autismus-Spektrum früher häufig mit einer Persönlichkeitsstörung, insbesondere auch der schizoiden, fehldiagnostiziert wurden, da etwa die Hälfte formal auch die Kriterien einer Persönlichkeitsstörung erfüllte. Es sollte immer geprüft werden, ob Verhalten besser durch eine zugrunde liegende Autismus-Spektrum-Störung als durch eine Persönlichkeitsstörung erklärt werden kann. Behandlungsmethoden für schizoide Menschen gelten für Autisten als nicht hilfreich.

Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal sind die andauernden, eingeschränkten, repetitiven und unflexiblen Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten, die bei Autismus im Gegensatz zu Persönlichkeitsstörungen immer bereits in der frühen Kindheit beginnen.

Alexithymie

Alexithymie (Gefühlsblindheit) ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das bei vielen psychischen Störungen oder anderen Erkrankungen und auch bei gesunden Menschen auftreten kann. Die Eigenschaften der Alexithymie gelten nicht als Teil der schizoiden Persönlichkeitsstörung, auch wenn schizoide Personen alexithym sein können. Ein wichtiger Unterschied zwischen beiden Konzepten besteht darin, dass alexithyme Menschen sich in Beziehungen prinzipiell wohlfühlen und eine starke Anpassungsbereitschaft an andere zeigen. Schizoide Menschen zeichnen sich außerdem oft durch eine starke Fantasietätigkeit und auf das eigene Innenleben bezogenes Denken aus, während für Alexithymie gerade ein Mangel an Fantasie und ein rationaler, nach außen gerichteter Denkstil typisch ist.

Schizoide Menschen sind oft in der Lage, eigene Emotionen innerlich zu identifizieren, vermeiden allerdings ihren Ausdruck (Affektisolierung) und betonen stattdessen den Intellekt bzw. das kognitive Denken. Untersuchungen zeigen auch, dass Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung Emotionen sowohl empfinden als auch wahrnehmen können (eine allgemeine abgeflachte Affektivität also gar nicht so häufig auftritt), hierbei allerdings eine signifikante Reduzierung positiver Affekte bei gleichzeitiger starker Intensität negativer Affekte (Traurigkeit, Angst etc.) zu beobachten ist. Diese werden von Betroffenen vor allem durch Reflexion und Dissoziation reguliert.

Introversion

Introversion (fehlende Extraversion) hängt von den Dimensionen der Big Five mit Abstand am stärksten mit der schizoiden Persönlichkeitsstörung zusammen und spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung einer solchen. Sie dient schizoiden Menschen als Abwehrmechanismus, um als unangenehm empfundene soziale Interaktionen vermeiden zu können.

Mit Introversion geht eine niedrigere Dauer und Häufigkeit positiver Emotionen, Verschlossenheit und weniger Ausdruck solcher Emotionen gegenüber anderen, weniger ungezwungene Geselligkeit (Partys, Gespräche, private Telefonate, gemeinsame Unternehmungen in der Freizeit) sowie eine Neigung zu Alleinsein und Unabhängigkeit einher. Introvertierte haben ein niedriges Bedürfnis nach Geselligkeit, ohne dass das zu individuellem Leidensdruck führt.

Bei Introversion an sich handelt es sich nicht um etwas Krankhaftes. Etwa ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung hat introvertierte Tendenzen, allerdings bildet nur ein kleiner Teil dieser Menschen aufgrund biographischer Erfahrungen eine schizoide Persönlichkeitsstörung aus, welche sich durch starre Verhaltensweisen wie defensive Zurückgezogenheit, den Rückzug in die Innenwelt und die Vermeidung von Intimität zur Bewahrung der Autonomie auszeichnet. Eine allgemein anerkannte Unterscheidung zwischen den Begriffen schizoid und introvertiert existiert nicht und sie werden oft synonym verwendet. Es wird allerdings teils versucht, „schizoid“ auf pathologische und „introvertiert“ auf gesunde Ausprägungen zu begrenzen.

Die Merkmalsdomänen der Diagnose Persönlichkeitsstörung aus der ICD-11 wurden als unangepasste (maladaptive) Ausprägungen der Big Five konzipiert, wobei Distanziertheit das pathologische Extrem von Introversion bzw. fehlender Extraversion darstellt. Individuelle Beeinträchtigungen sind für die Einstufung als Persönlichkeitsstörung immer erforderlich.

Millons Subtypen

Theodore Millon beschrieb vier Prototypen der schizoiden PS, die jedoch laut ihm in der Realität selten pur vorkommen:

Träger Subtyp (mit depressiven Zügen) Phlegmatisches, lethargisches Temperament; zu geringes Aktivierungsniveau; antriebslos, müde, bleiern, matt und schlapp. Kaum vital oder energetisch, verlangsamt; emotional aber nicht leer. Hat oft wenig Interessen; bevorzugt einfache, repetitive und abhängige Lebensweise.
Entrückter Subtyp (mit vermeidend-schizotypischen Zügen) Distanziert und entfernt; unerreichbar, einsam, abgeschieden, obdachlos, abgeschnitten, treibt ziellos umher am sozialen Rand, oft beschäftigt in Jobs mit geringem Einkommen und Status. In schweren Fällen schizotypische Merkmale, beobachtbar unter chronisch institutionalisierten Patienten und in Resozialisierungszentren.
Depersonalisierter Subtyp (mit schizotypen Zügen) Losgelöst von sich und den anderen; das Selbst wird zum körperlosen oder fernen Objekt; Körper und Geist sind voneinander entkoppelt, getrennt. Betrachtet sich selbst von außen. Zerstreut, oft ins Leere starrend, unaufmerksam.
Affektloser Subtyp (mit zwanghaften Zügen) Leidenschaftslos, unempfänglich, reaktionslos, teilnahmslos, kühl, gleichgültig, ungerührt, temperamentlos, glanzlos, unerregbar, gelassen, kühl; alle Gefühle vermindert. Kombiniert schizoide Apathie mit der emotionalen Eingeengtheit der zwanghaften PS.

Häufigkeit

Die schizoide Persönlichkeitsstörung wird in Bevölkerungsstudien vergleichsweise selten gefunden. Die Schätzungen variieren deutlich je nach Messmethode. In großen, repräsentativen Erhebungen, die klinisch bedeutsame Beeinträchtigung für jedes erfüllte Kriterium verlangen, liegen die Punktprävalenzen meist unter 1 %. In den USA ergab die reanalysierte NESARC-Stichprobe ~0,6 %, eine britische Haushaltsstichprobe gibt ~0,8 % an. Eine norwegische Community-Studie mit klinischen Interviews berichtete hingegen ~1,7 % und eine frühere großangelegte Untersuchung in den USA sogar 3,13 %.

Übersichtsarbeiten nennen entsprechend eine weite Breite zwischen 0 % und 5 % und betonen die methodische Unsicherheit.

Für die ICD-11-Abbildung mit Schweregrad für die Diagnose 6D10 Persönlichkeitsstörung + dem Merkmal 6D11.1 Distanziertheit, die auch leichtere Fälle besser erfassen kann, liegen bislang keine empirischen Studien oder Prävalenzeinschätzungen vor.

Ursachen

Die schizoide Persönlichkeitsstörung zählt zu den am wenigsten erforschten psychischen Störungen, weshalb Angaben zu den Ursachen mit erheblicher Unsicherheit behaftet sind. Sie basieren zu großen Teilen auf den Beobachtungen, die bei der Behandlung Betroffener in der Praxis gemacht wurden, nicht aber auf systematischen empirischen Untersuchungen.

Die Ätiologie von Persönlichkeitsstörungen gilt als komplex und multifaktoriell. Persönlichkeit ist ein komplexes Zusammenspiel aus biologischen, psychologischen, sozialen und entwicklungsbedingten Faktoren. Sie ist auch bei diagnostizierten Persönlichkeitsstörungen bei jedem Individuum einzigartig, weswegen hier genannte Muster nicht auf jeden Einzelfall zutreffen. Die Persönlichkeit eines Menschen umfasst sowohl angeborene Merkmale (Konstitution) als auch solche, die durch Anpassung an Lebensumstände (Umwelt) entstanden sind. Zur Entstehung psychischer Störungen siehe auch das Vulnerabilitäts-Stress-Modell.

Konstitutionelle Faktoren

Konkrete Zahlen zum Anteil der konstitutionellen Faktoren (Heritabilität) sind aufgrund der begrenzten Datenlage unsicher und unterscheiden sich je nach Studie und Forschungsmethode stark. Die Angaben schwanken zwischen 28 % und 59 %. Auch die Persönlichkeitseigenschaft Introversion und Extraversion hat eine Heritabilität von ~49%.

Ausgehend von Claude Robert Cloningers Temperamentsdimensionen werden für schizoide Menschen folgende Merkmale als typisch beschrieben: Ein mit Vermeidungsverhalten einhergehendes hohes Sicherheitsbedürfnis, eine geringe Suche nach Neuem, eine niedrige Abhängigkeit von Anerkennung und eine niedrige Ausdauer.

Außerdem wird eine besondere Reizoffenheit beschrieben, die häufig beobachtet wird und zur Ausbildung schizoider Züge beiträgt (in der Quelle als „Hyperpermeabilität“ bezeichnet; siehe auch Neurotizismus und Hochsensibilität). Diese führt zu einer Tendenz, eigene und fremde Emotionen als überwältigend zu empfinden und zu einer Begrenzung des Zustroms von Reizen. Die Folge ist eine angeborene Neigung zu Isolation und zurückgezogenem Verhalten. Auch ein angeborenes „langsam auftauendes Temperament“ wird als möglicher Faktor genannt, ein Begriff aus der Temperamentsforschung. Kinder mit diesem Muster reagieren auf neue Reize zunächst mit Zurückhaltung oder Angst und brauchen Zeit, um sich sicher zu fühlen. Sie nähern sich neuen Erfahrungen schrittweise. Dieses Muster kann sich auch im Erwachsenenalter in einer introvertierten, beobachtenden und vorsichtigen Persönlichkeitsstruktur fortsetzen.

Umweltfaktoren

Typische Umweltfaktoren in der Kindheit von Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung sind:

Übergriffigkeit. Damit ist ein Beziehungsmuster gemeint, bei dem die Grenzen des Kindes von Bezugspersonen wiederholt verletzt oder übergangen werden, z. B. durch übermäßige Kontrolle, Besitzergreifung, emotionale Vereinnahmung oder die Instrumentalisierung des Kindes für elterliche Bedürfnisse. Das Kind reagiert darauf mit innerem Rückzug und äußerlicher Überanpassung. Langfristig führen diese Erfahrungen zu einem schwachen Selbstgefühl, zu Angst vor Nähe und zu einem Rückzug in die innere Welt. Auch die auf die Behandlung schizoider Menschen spezialisierte Gestalttherapeutin Elinor Greenberg berichtet eine Überempfindlichkeit gegenüber dominierendem und aufdringlichem Verhalten aufgrund von Kindheitserfahrungen bei vielen ihrer Patienten.

Überstimulation. Hiermit wird eine frühkindliche Reizüberflutung bezeichnet, die entsteht, wenn sensible Kinder übermäßig intensiven sensorischen oder emotionalen Eindrücken ausgesetzt sind, etwa durch laute, aufdringliche oder emotional überaktive Bezugspersonen. Eine Folge davon kann sein, dass das Kind lernt, sich innerlich zurückzuziehen, um sich vor der als überwältigend erlebten Umwelt zu schützen. In der Folge entwickeln sich emotionale Distanziertheit, Dissoziation oder eine reduzierte Affektivität.

Gefühlsunterdrückendes Familienleben. Hiermit sind Bezugspersonen gemeint, die zwar grundlegende Bedürfnisse erfüllen, aber emotional abweisend sind. Zuwendung, Wärme und Mitgefühl fehlen, während Anpassung und Ruhe belohnt werden. Der Ausdruck von Gefühlen, Aggression, Abhängigkeit oder Bindung vonseiten des Kindes wird explizit oder implizit unterbunden. Diese Kinder lernen, dass Liebe und emotionale Nähe Gefahr bedeuten können, da sie mit Zurückweisung oder Bestrafung verbunden sind. Um sich zu schützen, kommt es zu innerem Rückzug und Selbstgenügsamkeit.

Vernachlässigung. Betroffene hiervon erleben in der Kindheit häufig eine emotionale Unterversorgung, mangelnde Empathie und fehlende Resonanz auf ihre inneren Zustände seitens der Bezugspersonen. Diese Form der emotionalen Deprivation führt dazu, dass das Kind lernt, seine Gefühle zu unterdrücken und sich auf sich selbst zurückzuziehen. Selbst subtile unpassende Reaktionen der Eltern, mangelndes Interesse an der inneren Welt des Kindes oder eine unzureichende familiäre Kommunikation können bei sensiblen Kindern zu einem anhaltenden Gefühl von Unverstandensein und Isolation führen. Im weiteren Verlauf entwickelt sich auch hier eine Haltung der Selbstgenügsamkeit, des emotionalen Rückzugs und der Vermeidung enger Bindungen, die charakteristisch für die schizoide Persönlichkeit ist. Auch Rainer Sachse betrachtet die schizoide Persönlichkeit als Folge einer „Flucht in die Autonomie“ aufgrund emotional kalter, wenig unterstützender Eltern. In Theodore Millons Konzeption ist ebenfalls Vernachlässigung die umweltbezogene Erklärung dafür, dass Beziehungen von Betroffenen als nicht emotional belohnend empfunden werden.

Es gibt eine erhebliche Überschneidung zwischen dem unsicher-vermeidenden bzw. abweisend-vermeidenden Bindungstyp der Bindungstheorie und schizoiden Persönlichkeitszügen, der auch empirisch nachgewiesen werden konnte. Teils wurde sogar eine weitgehende Deckungsgleichheit behauptet. Das führt zu einer Überschneidung der Ursachen bei beiden Konzepten.

Psychotherapie

Eine Indikation für eine Behandlung besteht nur dann, wenn eine betroffene Person unter ihrer sozialen Isolierung leidet oder sie eine Behandlung ausdrücklich wünscht. In dem Fall erfolgt die Behandlung durch Psychotherapie. Die Behandlungsziele können individuell unterschiedlich sein. Unabhängig vom Therapieverfahren gilt die Toleranz der Distanziertheit des Patienten als wichtig sowie ein behutsames und unaufdringliches Vorgehen. Das Erkennen und Respektieren der Angst eines schizoiden Patienten vor sozialen Beziehungen durch den Therapeuten sowie seiner Grenzen und Fantasien fördert die Beziehung und kann selbst bereits therapeutisch sein. Personen mit schizoider Persönlichkeitsstörung fällt es zu Beginn häufig schwer, eine engere therapeutische Beziehung aufzubauen. Rainer Sachse und Meike Sachse raten daher zu Geduld und warnen davor, schizoide Patienten in der Therapie „zu emotionalisieren“ oder mit „Trainings“ zu beginnen. Dies könne beim Patienten zu Gefühlen von Unverstandensein und Reaktanz führen.

Schizoide Menschen haben Schwierigkeiten damit, andere um Hilfe zu bitten, da es ihr Gefühl der Unabhängigkeit beeinträchtigt und sie gelten in Beziehungen als nicht fordernd. Aus der bindungstheoretischen Forschung ist bekannt, dass Menschen mit vermeidendem Bindungsstil ein positives Selbstbild bei gleichzeitig niedrigem Vertrauen in andere haben, sie ihre Probleme trotz hoher Belastung bagatellisieren und emotionale Offenheit vermeiden. Empirische Untersuchungen mit Studierenden und angehenden Psychotherapeuten zeigen, dass sie auf diese Patientengruppe besonders negative Reaktionen zeigen und die Betroffenen häufig aufgrund vermeintlich fehlender Indikation für eine Behandlung ablehnen wollen. Die Reflexion dieser emotionalen Reaktionen gilt als besonders wichtig für den Aufbau einer therapeutischen Allianz und den Therapieerfolg.

Psychodynamische Verfahren

Schizoide Menschen gelten als besonders geeignet für das psychoanalytische Setting. Harry Guntrip wird sogar der scherzhafte Ausspruch zugeschrieben, die Psychoanalyse sei von Schizoiden für Schizoide. Guntrip sowie weitere Psychoanalytiker wie Gerald Appel, Jeffrey Seinfeld, Philip Manfield, Ralph Klein, Nancy McWilliams, Zachary Wheeler und Otto Kernberg haben umfassende Beschreibungen des Störungsbilds und bedeutende Grundsätze für die Behandlung Betroffener ausgearbeitet. Dazu Gerhard Dammann:

„Aufgabe des Therapeuten ist es, ein stabiles und respektvolles (Markowitz 1968) Gegenüber zu sein, das einerseits ausreichend die »freundlichen Weiten« (Balint) zulassen und selbst innerlich positiv und geübt genug im »doing nothing« (Gabbard 1989) sein kann, um »distant enough« sein zu können. (Nicht wenige Psychoanalytiker haben selbst leicht schizoide Züge, was ihnen diese Haltung erleichtert; dazu Wheelis 1956).“

– Gerhard Dammann: Die schizoide Persönlichkeitsstörung – eine psychodynamische Perspektive

Schizoide Patienten können sich durch zu frühe Deutungen aufdringlich behandelt fühlen. Sie können dem Therapeuten und seinem Interesse mit großem Misstrauen begegnen und ihn selbst als distanziert oder zurückziehend erleben. Es ist möglich, dass lange Schweigephasen und ausgeprägte Distanziertheit starke negative Gegenübertragungsgefühle auf Therapeutenseite auslösen. Als hilfreicher Zugang zu den Übertragungen und unbewussten Prozessen schizoider Patienten gelten vor allem ihre Fantasien, welche ähnlich wie Träume behandelt werden können. Es kann vorkommen, dass sich auch die Beziehung zum Therapeuten überwiegend in die Fantasie eines schizoiden Patienten verlagert.

Im Zentrum der Übertragung bei Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung steht häufig die Tendenz, andere – und damit auch den Therapeuten – als manipulativ, zwingend, sadistisch, vereinnahmend, verschlingend, aneignend, bedürftig oder kontrollierend zu erleben. Otto Kernberg verweist auf die Wichtigkeit, dieses zentrale Dilemma schizoider Menschen im Kopf zu behalten, es sorgfältig zu explorieren und insbesondere die Gegenübertragung zu beachten.

Als Risikofaktoren für Therapieabbrüche bei schizoiden Patienten gelten ein als aufdringlich erlebtes Setting, vorschnelle oder zu konfrontative Deutungen, mangelnde Anerkennung der Belastung durch den therapeutischen Prozess sowie fehlende Hilfe mit negativer Übertragung. Präventiv wirken ein klarer, aber dennoch flexibler Rahmen (z. B. freie Wahl bezüglich Liegen oder Sitzen), als authentisch und nicht zu kühl wahrgenommene Therapeuten, die respektvolle Anerkennung von Autonomie und eventuellen Rückzugstendenzen, behutsame Affektarbeit, vorsichtiger Allianzaufbau sowie eine bewusste Reflexion der Gegenübertragungsreaktionen auf Therapeutenseite.

Gruppentherapie

Gruppentherapie wird häufig als hilfreiche Behandlungsoption für schizoide Patienten genannt; hierzu liegen Empfehlungen und Erfahrungsberichte einer Reihe von Autoren vor.

Die Teilnahme an einer Gruppe gilt bei schizoiden Patienten vor allem als sinnvolle und wirksame Ergänzung zu einer Einzeltherapie, kann aber kein Ersatz für eine solche sein. Sie kann mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein, weshalb eine gute Vorbereitung und eine bereits bestehende therapeutische Allianz in einer Einzeltherapie unerlässlich sind, um einen vorzeitigen Abbruch zu vermeiden. So kann es vorkommen, dass schizoide Patienten dem Therapeuten bereits den Vorschlag zur Teilnahme an einer Gruppe übelnehmen. Es ist hierbei wichtig, im Vorfeld mögliche Befürchtungen zu klären, die in Bezug auf die Gruppenteilnahme vorhanden sind. Ebenso kann es vorkommen, dass schizoide Menschen den Wunsch verspüren, die Gruppentherapie wieder abzubrechen, sobald zu viel Nähe mit anderen entsteht; auch das kann durch eine begleitende Einzelbehandlung aufgefangen werden.

Als zentrale Herausforderung gilt die Tatsache, dass schizoide Menschen – wie in allen Gruppensituationen – in der Gruppentherapie dazu neigen, hauptsächlich zu schweigen und eine „Randfigur“ zu bleiben. Sie können einen inneren Konflikt zwischen Beteiligung und Abgrenzung sowie Angst vor Selbstoffenbarung haben. Ähnlich wie in der Einzeltherapie muss eine Balance zwischen Distanz und Einbindung schizoider Patienten gefunden werden und es benötigt zunächst Toleranz gegenüber ihrer Distanziertheit, um schizoiden Gruppenmitgliedern nicht das Gefühl zu geben, dass ihre eigenen Bedürfnisse in Beziehungen mit anderen übergangen werden. Molyn Leszcz weist darauf hin, dass sie trotz ihrer Schweigsamkeit oft sehr aufmerksam und hypervigilant sind und die Teilnahme an der Gruppe als positiv empfinden können. Es kann für den Therapeuten notwendig sein, schützend einzugreifen, wenn ein schizoider Patient seine eigenen Grenzen gegenüber anderen nicht durchsetzen kann. Andererseits besteht allerdings auch die Gefahr, dass Therapeut und Gruppe ein schizoides Mitglied unbewusst oder aufgrund negativer Gegenübertragungen ausschließen, aggressiv reagieren oder das Mitglied zur Teilnahme oder Selbstoffenbarung drängen wollen.

Die Gruppe soll einem schizoiden Patienten im Verlauf der Behandlung als Übungsfeld zur Sozialisierung und zur Ermöglichung neuer positiver Beziehungserfahrungen dienen. Viele schizoide Menschen profitieren bereits davon, regelmäßig mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, wodurch sie sich weniger entfremdet fühlen. Als wichtige mögliche Therapieziele gelten der Aufbau von grundlegendem Vertrauen und der Abbau defensiver Selbstgenügsamkeit, das Zulassen und Ausdrücken positiver und negativer Emotionen gegenüber anderen und die Einübung zwischenmenschlicher Kompetenzen und Konfliktlösungsstrategien.Irvin D. Yalom weist darauf hin, dass die Anwesenheit von Borderline-Patienten förderlich für schizoide Gruppenmitglieder sein kann. Sie verfügen nicht selten über die Fähigkeit, eine emotionale Verbindung zu schizoiden Menschen herzustellen.

Siehe auch

  • Schizoider Charakter nach Alexander Lowen
  • Schizoide Persönlichkeiten nach Fritz Riemann
  • Introvertierte nach Carl Gustav Jung
←Nächster BeitragVorheriger Beitrag→
Am meisten gelesen - Wikipedia
  • April 14, 2026

    Implizite Fläche

  • April 07, 2026

    Europäische Linke

  • April 04, 2026

    Hessischer Ministerpräsident

  • April 08, 2026

    Militärische Ehren

  • März 24, 2026

    Dental

Studio

  • Wikipedia

Newsletter Anmeldung

Kontakt aufnehmen
Kontaktieren Sie uns
© 2025 www.wikimap.de-de.nina.az - Alle Rechte vorbehalten.
Urheberrecht: Dadash Mammadov
Oben