Der Große Türkenkrieg zwischen der Heiligen Liga europäischer Mächte und dem Osmanischen Reich, auch als Großer Türkenkrieg Leopolds I. oder Fünfter Österreichischer Türkenkrieg bezeichnet, dauerte von 1683 bis 1699. Unter seinem neuen Großwesir und Oberbefehlshaber Kara Mustafa versuchte das Osmanische Reich 1683 zum zweiten Mal (nach der Ersten Wiener Türkenbelagerung 1529), die Kaiserstadt Wien zu erobern und das Tor nach Zentraleuropa aufzustoßen. Das Scheitern dieser Belagerung führte zur kaiserlichen Gegenoffensive, in deren Verlauf die Osmanen aus dem Gebiet des Königreichs Ungarn vertrieben wurden und die Dreiteilung Ungarns zu Gunsten der Habsburger ein Ende fand.
| Großer Türkenkrieg | |||||
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![]() Gefecht zwischen Türken und Christen, Gemälde von August Querfurt | |||||
| Datum | 4. Julijul. / 14. Juli 1683greg. bis 16. Januarjul. / 26. Januar 1699greg. | ||||
| Ort | Österreich, Ungarn, Serbien, Kroatien, Griechenland, Ukraine (einschließlich der Krim) | ||||
| Ausgang | Sieg der Heiligen Liga | ||||
| Friedensschluss | Friede von Karlowitz | ||||
| Territoriale Änderungen | Österreich gewinnt Gebiete in Ungarn und auf dem Balkan Polen-Litauen erhält Podolien zurück Russland erobert Asow Venedig wird sein Besitzstand (Morea, inneres Dalmatien) bestätigt | ||||
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Wien – Kahlenberg – Párkány – Gran I – Waitzen (Vác) – Ofen I – Gran II – Neuhäusel (Nové Zámky) – Eperies – Ofen II – Mohács (Harsány) – Belgrad I – Derbend – Pataczin – Nisch – Belgrad II – Szlankamen – Belgrad III – Peterwardein – Lippa (Lipova) – Lugos (Lugoj) – Temesvár – Olasch (Bega) – Zenta
Vorgeschichte
Oberungarischer Aufstand
In Folge der Schlacht bei Mohács, bei der die Truppen des Osmanischen Reiches siegten und der letzte König von Ungarn Ludwig II. starb, zerfiel das Königreich Ungarn bis 1541 in drei Teile. Der zentrale Teil wurde als Paschalik Ungarn dem türkischen Herrschaftsbereich direkt eingegliedert. Der nördliche und westliche Bereich fiel als Königliches Ungarn (in etwa die heutigen Gebiete Slowakei, Burgenland und West-Kroatien) an die Habsburgermonarchie. Aus den östlichen Gebieten bildete sich das Fürstentum Siebenbürgen heraus, welches de facto ein Vasallenstaat des Osmanischen Reiches blieb, dessen Fürsten jedoch Ansprüche auf Teile Ungarns (→ Vertrag von Speyer) aufrechterhielten. Unter ihren Fürsten Gabriel Bethlen und Georg I. Rákóczi griffen sie mehrfach an der Seite der Gegner Habsburgs in den Dreißigjährigen Krieg ein. In weiteren Kriegen konnte auch das Osmanische Reich seine Gebiete weiter nach Westen ausdehnen.
Im Königlichen Ungarn kam es zu einer vom lokalen Adel getragenen Bewegung, die sich gegen die Herrschaft der Habsburger unter Kaiser Leopold I. richtete nachdem die ungarischen Interessen nicht ausreichend berücksichtigt worden waren. In Folge der Aufdeckung der sogenannten Magnatenverschwörung 1670/71 wurden mehrere Adlige verhaftet, enteignet, hingerichtet oder zur Flucht nach Siebenbürgen veranlasst. In den folgenden Jahren versuchten die Habsburger ihre Autorität mit harter Hand durchzusetzen, wobei sie die ungarische Verfassung außer Kraft setzten und eine gegenreformatorische Politik betrieben. Aus dem Widerstand gegen diese Maßnahmen formierten sich unter Führung der geflohenen Adligen die Kuruzen (ungarisch: kuruczok/kurucok), die vom Fürstentum Siebenbürgen aus gegen die Habsburger Herrschaft operierten. Im Ergebnis befand sich das Land über Jahre in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand.
Im Jahr 1678 stellte sich der junge Magnat Emmerich Thököly an die Spitze der Aufständischen. Unterstützt von Frankreich gelang ihm in den folgenden Monaten die Eroberung fast ganz Oberungarns (heutige Slowakei) und sogar einiger mährischer Kreise. Kaiser Leopold I., der aufgrund der gleichzeitigen Reunionspolitik des französischen Königs Ludwig XIV. mit dem Ausbruch eines Krieges gegen Frankreich rechnen musste, fand sich nun zwangsläufig zu Zugeständnissen bereit. Er berief den ungarischen Reichstag ein, der sich Anfang 1681 zum Landtag von Sopron (Ödenburg) versammelte. Im Zuge dessen wurde ein vorläufiger Waffenstillstand mit Thököly vereinbart.
Rolle Frankreichs
Die Politik der europäischen Mächte wurde parallel dazu vor allem von Frankreich unter König Louis XIV. in den Bann gezogen. Der Frieden von Nimwegen, der den Holländischen Krieg (1672–1678) beendet hatte, enthielt in territorialer wie in politischer Hinsicht ebenso unklare Formulierungen wie zuvor der Westfälische Frieden (1648). Diese Unklarheiten bildeten ab 1679 die Grundlage der sogenannten „Reunionspolitik“ Frankreichs, bei der sukzessive kleinere Territorien und Städte annektiert wurden, von denen ein französisches Gericht („Reunionskammern“) festgestellt hatte, dass sie historisch zum Königreich gehörten. Dies betraf zwischen 1679 und 1681 mehr als 600 Ortschaften in den Spanischen Niederlanden und am Rhein.
Das französische Vorgehen verlangte vom Kaiser ein robustes Auftreten, um das Voranschreiten der Reunionen aufzuhalten und seine Stellung im Reich zu behaupten. Dies bedeutete militärische Vorbereitungen, die einzig Zulasten der Kämpfe gegen die ungarischen Aufständischen umgesetzt werden konnten. Immerhin verständigten sich die Reichsstände 1681 angesichts der Bedrohung auf eine Reform der Reichskriegsverfassung. Im gleichen Jahr sollte schließlich eine Konferenz in Frankfurt am Main organisiert werden, auf der Frankreich, der Kaiser und die Reichsstände zu einer Lösung kommen sollten. Als sich die Eröffnung der Konferenz immer weiter hinauszögerte, schuf die Besetzung Straßburgs am 30. September 1681 durch französische Truppen erneut vollendete Tatsachen.
Die französischen Bemühungen gingen dahin durch Förderung des ungarischen Aufstandes den Kaiser in seinem Rücken so unter Druck zu setzen, dass eine Gegenwehr am Rhein unwahrscheinlich wurde. Der Gesandte in Siebenbürgen unterstützte die Aufständischen daher mit beträchtlichen Summen. In diesem Zusammenhang hatte Thököly den Waffenstillstand nur wenige Tage vor der Besetzung Straßburgs gebrochen und am 19. September die Stadt Kálo/Nagykálló angegriffen. Zu seiner Armee gehörten 7.000 türkische Soldaten des Paschas von Ofen sowie 12.000 Mann aus den Karpaten-Fürstentümern, woraus man in Wien schließen musste, dass das Osmanische Reich beabsichtigte in den Konflikt einzugreifen. Der Reichstag in Sopron, der letztlich das Ziel verfolgt hatte, Ungarn zu befrieden und den Rücken gegenüber Frankreich freizubekommen, war somit gescheitert.
Osmanisches Machtkalkül
Nach einem Zeitalter rasanter Expansion folgte auf den Tod Sultan Süleymans I. (des Prächtigen) im Jahr 1566 eine Periode der Stagnation. Die Sultane jener Zeit waren eher schwach und überließen die Regierungsgeschäfte jeweils einem Großwesir, der auch für die Gestaltung der Außenpolitik und die Kriegführung zuständig waren. Unter Sultan Mehmed IV. waren dies nacheinander die fähigen Großwesire und Köprülü Mehmed Pascha und Köprülü Fâzıl Ahmed Pascha, denen es gelang die inneren Verhältnisse des Reiches maßgeblich zu verbessern. Neben der Finanzpolitik betraf dies vor allem die Verwaltung sowie die Bekämpfung der Korruption, was die Grundlagen für ein erneutes Erstarken des Osmanischen Reiches legte.
Die außenpolitischen Expansionsbestrebungen des letzteren richteten sich ab 1663 zunächst gegen die Habsburger Monarchie (→ Türkenkrieg 1663/1664). Nach der türkischen Niederlage in der Schlacht bei Mogersdorf (1. August 1664) folgte der Abschluss des Friedens von Eisenburg (9./10. August 1664), der für 20 Jahre, also bis zum Jahr 1684, befristet sein sollte. Danach beendete Köprülü die Eroberung von Candia/Kreta (→ Belagerung von Candia) und richtete seinen Fokus in den 1670er Jahren nach Norden. Dort blieb die türkische Hauptarmee in Kriegen gegen Polen (→ Osmanisch-Polnischer Krieg (1672–1676)) und Russland (→ Russisch-Osmanischer Krieg (1676–1681)) zunächst gebunden.
Nach dem Ableben Köprülüs Ende 1676 konnte dessen Adoptivbruder und Schwager Kara Mustafa Pascha dessen Nachfolge als Großwesir antreten. Es gelang im zunächst die Kriege im Norden im Vertrag von Bachtschyssaraj (13. Januar 1681) zu beenden und sich damit Freiraum für andere militärische Ziele zu schaffen. Seitdem gedachte er den oberungarischen Aufstand für sich zu nutzen und aktiv auf eine Konfrontation mit den Habsburger hinzuarbeiten. Zunächst wies er die Paschas von Varaždin und Ofen an, die Kuruzen mit Geld und Soldaten zu unterstützen. Auch den Vasall Fürst Michael I. Apafi von Siebenbürgen ließ der Großwesir mit einem Truppenkontingent aufmarschieren, doch blieb Apafi – dessen Autorität in seinem eigenen Fürstentum von Thökoly untergraben wurde – eher ein zurückhaltender Alliierter. Es kam ihm daher gelegen, dass Thököly noch im Juli 1681 eine Gesandtschaft nach Konstantinopel entsandte, um sich dem Sultan formell als Vasall anzudienen.
Weg in den Krieg 1682/83
Am 5. Januar 1682 unterbreiteten französische Gesandte in Frankfurt das „Angebot“, sich mit den Reunionen, die bis zum August 1681 erfolgt waren zu begnügen. Die Frage der Zugehörigkeit Straßburgs sollte vertagt werden. Dem begegnete der Kaiser im Frühjahr mit der Entsendung einer 25.000 Mann starken Armee an den Rhein. Der Kaiser gewann im Laufe des Sommers im Reich zumindest diplomatisch an Boden. Der Kurfürst von Bayern Maximilian II. Emanuel war ein entschiedener Gegner der Reunionen. Er war bereits im Oktober 1680 aus dem französischen Bündnissystem ausgetreten und orientierte sich nun nach Wien. Am 28. Juli schloss der Kaiser zudem eine Defensiv-Allianz mit Schweden während er im Reich den Grundstein der Laxenburger Allianz legen konnte. Am 28. September 1682 stellten die französischen Gesandten das frühere Angebot in ultimativer Form erneut vor und setzten eine Frist zur Annahme bis zum 30. November. Als die Reichsdeputation dies ablehnte, war die Frankfurter Konferenz endgültig gescheitert.
Der französische Gesandte in Konstantinopel hatte bereits zuvor Order erhalten die Osmanen zu einer breiten Unterstützung Thökölys anzuhalten und sie eventuell für ein direktes Vorgehen gegen die Habsburger Monarchie zu gewinnen. Man rechnete damit, dass ein sich lange hinziehender Konflikt im Osten den Kaiser zur Anerkennung der Reunionen zwingen würde. Obwohl die Bemühungen dazu vor dem Hintergrund des Scheiterns der Frankfurter Konferenz ab Ende 1682 verstärkt wurden, ist der Entschluss zur Eröffnung des Krieges nicht primär auf französischen Einfluss zurückzuführen. Vielmehr schien die Gelegenheit aus osmanischer Perspektive günstig und der Frieden von Eisenburg lief ohnehin bald aus. Die kaiserlichen Truppen waren im Westen von Frankreich bedroht und wurden zudem nicht mit dem oberungarischen Aufstand fertig. Die französischen Subsidien an die Reichsstände würden zudem weitere Verbündete davon abhalten Hilfstruppen zu entsenden. Ein weiterer wichtiger Aspekt war, dass die osmanischen Truppen, insbesondere die Janitscharen nach der Beendigung der Kriege gegen Polen und Russland beschäftigungslos waren. Ohne Aussicht auf Beute und sinnvollen Einsatz drohten sie wie früher bereits zu einem destabilisierenden Element innerhalb des Reiches werden.
Kara Mustafa sicherte Thökoly nach dessen Anerbieten vom Sommer 1681 seine Unterstützung zu und unterstützte ihn seit dem Frühjahr 1682 offen militärisch. Thököly erhielt die Anwartschaft auf das Fürstentum Siebenbürgen und die Zusicherung der Religionsfreiheit seiner Untertaten. Gegen einen jährlichen Tribut von 40.000 Dukaten sollte Oberungarn, Mittelungarn und Siebenburgen als Protektorat des Osmanischen Reiches weitgehend selbständig sein. Gemeinsam gingen die Verbündeten gegen Kaschau/Košice und Fülek/Filakovo vor. Nachdem letztere Festung am 10. September 1682 gefallen war, wurde Thökoly von Ibrahim Pascha offiziell zum »König von Oberungarn« ausgerufen.
Der habsburgische Gesandte in Konstantinopel Georg Christoph von Kuniz, bemühte sich unterdessen seit 1681 um die Verlängerung des Friedens von Eisenburg, was wiederum der französische Gesandte versuchte zu hintertreiben. Im April 1682 traf mit Albert von Caprara ein Sondergesandter aus Wien ein mit dem Auftrag den Frieden zu sichern. Dieser stellte bei den Verhandlungen im Juni/Juli 1682 fest, dass Kara Mustafa quasi unannehmbare Forderungen stellte, wie z. B. die Abtretung der Schlüsselfestung Raab. Er warf den Kaiserlichen eine Reihe von Vertragsverletzungen vor, die Caprara mit dem Hinweis auf die osmanische Unterstützung Thökölys konterte. Bei anderer Gelegenheit wurde der Kaiser aufgefordert, die Besitztümer der ungarischen Kuruzen zurückzuerstatten und den Osmanen einen Jahrestribut von 500.000 Dukaten zu entrichten.
Allerdings handelte es sich dabei erkennbar um eine Hinhaltetaktik, denn der venezianische Botschafter meldete bereits, dass der Großwesir sich intensiv mit dem Projekt eines habsburgischen Krieges beschäftigte. Am 6. August 1682 fand in Konstantinopel schließlich eine Sitzung des großen Staatsrates statt, in der Kara Mustafa sein Projekt eines Angriffs auf die habsburger Länder im kommenden Jahr vorstellte; der osmanische Staatsrat und Sultan Mehmed IV. stimmten dem zu. Zur gleichen Zeit ging man in Wien noch davon aus, den Krieg vermeiden und sich stattdessen auf die französische Herausforderung konzentrieren zu können. Der Sultan und sein Hof siedelten im Oktober nach Adrianopel um, wo die Verhandlungen ohne Ergebnis weitergeführt wurden. Erst im Frühjahr 1683 erkannte man in Wien schließlich das Scheitern der Bemühungen.
Im April 1683 zog der osmanische Hof sowie der Kern des osmanischen Heeres weiter nach Belgrad, wo er am 3. Mai geführt von Sultan Mehmed IV. eintraf. Ein kaiserlicher Bote traf am 11. Mai 1683 im Belgrader Lager ein und überbrachte die Mitteilung des Hofkriegsratspräsidenten Hermann von Baden, dass die Verhandlungen offenbar gescheitert seien und man sich daher nun als im Kriegszustand befindlich betrachte.
Kriegsverlauf
Der Entsatz von Wien 1683
Als am 7. September 1683 sich ein vom Papst Innozenz XI. mitfinanziertes Entsatzheer des Heiligen Römischen Reiches unter Karl von Lothringen mit Truppen des polnischen Königs Jan Sobieski III. in Tulln an der Donau ungefähr 30 Kilometer vor Wien vereinigte, dauerte die Belagerung schon seit dem 15. Juli an. Unter der Führung des polnischen Königs überraschte man die osmanische Streitmacht und schlug sie fünf Tage später am 12. September 1683 in der Schlacht am Kahlenberg vernichtend. In dieser Schlacht erhielt jener junge Obrist-Leutnant Eugen von Savoyen, der diesen Türkenkrieg schließlich beenden sollte, seine Feuertaufe. Der türkische Chronist Mehmed, der Silâhdar, berichtete über den Anblick der Entsatzarmee:
„Die Giauren [Ungläubige, christliche Truppen] tauchten mit ihren Abteilungen auf den Hängen auf wie Gewitterwolken, starrend vor dunkelblauem Erz. Mit dem einen Flügel gegenüber den Walachen und Moldauern an das Donauufer angelehnt und mit dem anderen Flügel bis zu den äußersten Abteilungen der Tataren hinüberreichend, bedeckten sie Berg und Feld und formierten sich in sichelförmiger Schlachtordnung. Es war, als wälze sich eine Flut von schwarzem Pech bergab, die alles, was sich ihr entgegenstellt, erdrückt und verbrennt.“
Beginn der Gegenoffensive
Durch die türkische Niederlage von 1683 sah Leopold I. nun endlich die Chance zum Gegenschlag. Unter Mithilfe von Papst Innozenz XI. wurde am 5. März 1684 die Allianz der Heiligen Liga gegen die Osmanen geschlossen. König Jan Sobieski von Polen, Kaiser Leopold I. und die Republik Venedig schlossen ein Bündnis, das sich ausschließlich gegen die Osmanen richten sollte.
Oberkommandierender war Karl von Lothringen. Als Hofkriegsratspräsident spielte Hermann von Baden eine wichtige Rolle. Ludwig Wilhelm von Baden („Türkenlouis“) und Max Emanuel von Bayern („Blauer Kurfürst“) waren bedeutende Befehlshaber. Neben kaiserlichen Truppen stellten auch einige armierte Reichsstände Einheiten, die zumeist vom Kaiserhof bezahlt wurden. Dazu gehörten neben Kurbayern auch Kurbrandenburg, Kursachsen und Kurhannover.
Eroberung von Ofen
Das erste Ziel war die Eroberung von Ofen. Im Oktober 1684 musste die Belagerung aufgegeben werden, da die Moral schlecht war und ein türkisches Entsatzheer die kaiserlichen Belagerungstruppen bedrängte.
Zwei Jahre nach der erfolglosen Belagerung von Ofen wurde 1686 ein neuer Feldzug zur Einnahme der ungarischen Hauptstadt gestartet. Mitte Juni 1686 wurde mit der Belagerung begonnen. Ein türkisches Entsatzheer traf Mitte August vor Ofen ein, der Kommandant scheute sich aber anzugreifen. Am 2. September 1686 eroberten die kaiserlichen Truppen schließlich die Festung.
Zweite Schlacht von Mohács
161 Jahre nachdem das unabhängige Ungarn in der ersten Schlacht bei Mohács (1526) aufgehört hatte zu existieren, kam es am 12. August 1687 auf derselben Ebene erneut zur Schlacht um Ungarn. Die 50.000 Mann starke kaiserliche Streitmacht unter Karl von Lothringen traf auf ein ca. 60.000 Mann starkes, osmanisches Heer. Einem türkischen Großangriff wurde standgehalten, und der von Eugen von Savoyen geführte Gegenangriff brach durch sämtliche türkischen Linien bis zum Zelt des geflohenen Großwesirs durch. Während auf kaiserlicher Seite nicht mehr als 600 Mann an Verlusten zu beklagen gewesen sein sollen, mussten die Türken bis zu 10.000 Tote hinnehmen. Die Folgen dieses bedeutenden Sieges waren weitreichend: Karl von Lothringen konnte Esseg und Slawonien befreien, während Siebenbürgen wieder Ungarn angegliedert wurde. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse sprach der ungarische Reichstag den Habsburgern das Erbrecht auf die Stephanskrone zu, und der erst neunjährige Sohn Kaiser Leopolds, Joseph, wurde König von Ungarn. Prinz Eugen, der den Gegenstoß bei Mohács persönlich geführt hatte, wurde dafür reichlich belohnt: Im Januar 1688 erfolgte die Ernennung zum Feldmarschallleutnant und er wurde in den Orden vom Goldenen Vlies aufgenommen.
Eroberung Belgrads
Nach der erfolgreichen Zweiten Schlacht bei Mohács 1687 hieß das Ziel im darauf folgenden Jahr Belgrad – die Stadt zwischen Donau und Save, die seit 1521 in osmanischem Besitz war. Unter dem Kommando von Max Emanuel, dem Kurfürsten von Bayern, begann die Belagerung Anfang August 1688. Nur einen Monat später, am 6. September 1688, wurde die Stadt unter enormen Verlusten auf beiden Seiten eingenommen. Die kaiserlichen Truppen eroberten Niš am 24. September 1689, Widin am 14. Oktober 1689 und rückten bis Bankja (jetzt eine Vorstadt Sofias), Kjustendil und Pernik im Osten und Skopje und Priština im Süden vor (befreit im Oktober 1689). Die Bevölkerung „stieg aus den Gebirgen ein und hieß die Deutschen als Befreier von ihrer sklavischen Lage willkommen.“
Französischer Angriff im Westen und osmanische Gegenoffensive
Bereits 20 Tage nach der Einnahme Belgrads marschierten Truppen König Ludwigs XIV. in das Rheinland ein und eröffneten den Pfälzischen Erbfolgekrieg. Das Reich befand sich nun in einem Zweifrontenkrieg. Trotz dieser ungünstigen strategischen Entwicklung entschloss man sich am Kaiserhof im Juni 1689, die Waffenstillstandsverhandlungen mit der Hohen Pforte einzustellen und gleichzeitig den größten Teil des kaiserlichen Heeres nach Westen zu verlagern.
Durch diese Ereignisse konnten die Osmanen im Jahre 1690 Belgrad zurückerobern. Ludwig Wilhelm von Baden konnte 1691 in der Schlacht bei Slankamen mit unterlegenen Kräften einen vorerst letzten Erfolg erreichen. Er, wie andere bedeutende Heerführer, wurde nunmehr im Westen benötigt. Der neue Oberbefehlshaber August der Starke konnte ihn nicht ersetzen. Immerhin gelang es bei allen Rückschlägen, die Lage zu stabilisieren und Kaiser und Reich konnten sich sowohl im Westen wie im Südosten behaupten.
Die Kaiserlichen waren mit Serben und anderen Christen vom Balkan verbündet. Als die osmanische Gegenoffensive in Gang kam, flohen etwa 60.000 Menschen vom Balkan in die habsburgischen Gebiete in Ungarn. Dort wurden sie mit bestimmten Privilegien zur Verteidigung der Militärgrenze nach Süden angesiedelt. In ihre alten Siedlungsgebiete, etwa auf dem Amselfeld, wanderten muslimische Albaner ein. Diese Wanderungswelle war eine Ursache für die Konflikte in der Region bis ins 21. Jahrhundert hinein.
Die Schlacht bei Zenta
Nachdem 1697 der Pfälzische Erbfolgekrieg beendet worden war, kehrte Prinz Eugen, in der Zwischenzeit zum Feldmarschall befördert (1693), auf den osmanischen Kriegsschauplatz als Oberbefehlshaber der Armee in Ungarn zurück. Er sammelte die Truppen aus Oberungarn und Siebenbürgen bei Peterwardein, um den osmanischen Vorstoß aufzuhalten. Nach der Vereinigung mit den Truppen umfasste die kaiserliche Armee zwischen 50.000 und 55.000 Mann. Den ganzen August hindurch spielten sich jedoch nur taktische Manöver zwischen den Streitmächten im Großraum Peterwardein ab. Anfang September brachen die Osmanen die taktischen Geplänkel ab und zogen der Theiß entlang nach Norden, um sich der Festung Szegedin zu bemächtigen. Der kaiserliche Feldmarschall folgte nun, fast auf gleicher Höhe, der osmanischen Streitmacht. Der Sultan gab den Plan zur Erstürmung Szegedins deswegen auf; er beabsichtigte nun, die Theiß bei Zenta zu überqueren und sich nach Temesvár ins Winterlager zurückzuziehen. Als Prinz Eugen die Absicht des Feindes erkannte, entschloss er sich sofort zum Angriff, überraschte die Osmanen am 11. September 1697 während der Flussüberquerung und fügte ihnen eine vernichtende Niederlage zu.
Es war ein vollständiger und umfassender Sieg, und von nun an war der Name Prinz Eugen in ganz Europa zu einem Begriff geworden. Der nach Temesvár fliehende Sultan verlor an die 25.000 Mann, wohingegen die Verluste der Truppen des Kaisers 28 Offiziere und 401 Mann an Toten betrugen. Eine schlimmere Niederlage hatte das Osmanische Reich auf dem europäischen Kontinent noch nicht erlebt.
Der Überfall auf Sarajevo
Der Sieg bei Zenta wurde von den Kaiserlichen nicht entscheidend strategisch genutzt, denn für eine Belagerung der Festung Temesvár war das Jahr schon zu weit fortgeschritten. Bevor man ins Winterlager zog, sollte den bereits angeschlagenen Türken noch ein weiterer Schlag versetzt werden. Prinz Eugen beschloss, mit einem Teil seiner Armee einen Überfall auf Bosnien durchzuführen. Sein Ziel war Sarajevo. Der Einfall begann am 13. Oktober 1697 von Esseg aus (heute: Osijek, Kroatien). Bereits zehn Tage später wurde, trotz der unwegsamen Route mitten durch bosnisches Bergland, das 250 km entfernte Sarajevo erreicht. Kaiserliche Parlamentäre, die die Übergabeaufforderung Eugens überbringen sollten, wurden beschossen, noch ehe sie die Stadt erreichten, und so wurde der Befehl zum Angriff auf die unbefestigte Stadt erteilt. Am nächsten Tag notierte Eugen in sein Kriegstagebuch:
„Man hat die Stadt völlig niedergebrannt und auch die ganze Umgebung. Unsere Trupps, die den Feind verfolgten, haben Beute eingebracht, und auch Frauen und Kinder […].“
Beteiligung Russlands
Nach Unterzeichnung des „Ewigen Friedens“ mit Polen am 6. Mai 1686 trat das Moskauer Reich der Heiligen Liga bei und begann im folgenden Jahr mit den Krimfeldzügen gegen das Krimkhanat, einen türkischen Verbündeten. 1695 folgten die Asowfeldzüge mit der Eroberung der Festung Asow im Jahre 1696. Diese Feldzüge Russlands werden manchmal auch unter der Bezeichnung Russisch-Türkischer Krieg (1686–1700) zusammengefasst.
Friede zu Karlowitz
Das Kriegsjahr 1698 verlief ohne größere Gefechte, da es in der kaiserlichen Kriegskasse wieder an Geld mangelte: Im Sommer 1698 blieb der Sold für die Armee aus, weswegen zwei Dragonerregimenter meuterten und ihre Offiziere als Geiseln nahmen. Prinz Eugen zeigte keinen Pardon für die Meuterer: 12 wurden erschossen, 20 gehängt und die Übrigen mussten spießrutenlaufen. (Über die genauen Opferzahlen bei den „Spießrutenläufern“ ist nichts bekannt).
Aufgrund der Meuterei, der schlechten Finanzlage, und weil sowohl der Kaiser als auch die Hohe Pforte den Frieden suchten, kam es unter der Vermittlung Englands zu den Friedensgesprächen bei Karlowitz. Karlowitz lag zwischen der von kaiserlichen Truppen gehaltenen Festung Peterwardein und der osmanischen Festung Belgrad. Auf einer Anhöhe bei Karlowitz wurde ein hölzerner Rundbau mit vier verschiedenen Eingängen errichtet. Damit sollte sichergestellt sein, dass alle vier Delegationen gleichzeitig an den Verhandlungstisch treten konnten. Am 26. Jänner 1699 kam es schließlich zwischen dem Kaiser, Polen und Venedig einerseits sowie dem Osmanischen Reich andererseits zum Friedensschluss: Siebenbürgen wurde mit Ungarn wiedervereint, Ungarn wurde Österreich bzw. den Habsburgern zuerkannt. Venedig erhielt die Peloponnes. Bis auf das Banat waren nun alle osmanischen Eroberungen des 16. Jahrhunderts wieder verloren, und das Haus Österreich wurde eine europäische Großmacht. Russland schloss einen Waffenstillstand auf zwei Jahre.
Folgen
Die Leiden der Bevölkerung waren schwer und das Verhalten gegenüber den gegnerischen Soldaten hart. Vielfach wurde kein Pardon gegeben. Der informelle Verhaltenskodex bei der Kriegführung zwischen europäischen Mächten wurde regelmäßig auch von habsburgischer Seite verletzt. Es wurde den Kaiserlichen sogar vorgeworfen, dass die Vernichtung ganzer osmanischer Heere etwa bei Slankamen oder Zenta über das militärisch Sinnvolle hinausging.
Im Frieden von Karlowitz musste sich das Osmanische Reich erstmals von einer christlichen Macht Friedensbedingungen diktieren lassen, die weitreichende Folgen für die ganze Region hatten: Die Dreiteilung Ungarns, eine direkte Folge der ersten Schlacht von Mohács 1526, war nun zugunsten der Habsburger beendet. Lediglich das Banat von Temesvár blieb als letztes Stück des alten Königreichs Ungarn noch osmanisches Gebiet, musste aber nach einem weiteren Türkenkrieg (1. Türkenkrieg Karls VI. 1716–1718) ebenfalls an das Habsburgerreich abgetreten werden.
Museale Rezeption
In der Dauerausstellung des Wiener Heeresgeschichtlichen Museums nimmt der Große Türkenkrieg einen breiten Raum ein. Zahlreiche Objekte sind der Öffentlichkeit zugänglich, darunter mehrere Rossschweife und die Reflexbögen der berüchtigten Sipahi. Besondere Stücke sind auch ein türkisches Kettenhemd aus dem Besitz des bei Mogersdorf siegreichen kaiserlichen Feldherren Raimondo Montecuccoli, eine silberne türkische Kalenderuhr, eine 1683 vor Wien erbeutete türkische Standarte sowie das Siegel des türkischen Sultans Mustafa II., welches Prinz Eugen von Savoyen in der Schlacht bei Zenta 1697 erbeutet hatte.
Siehe auch
- Türkenkriege
- Venezianisch-Österreichischer Türkenkrieg
