
Mit Fürstenberger Glashütten wird die Gesamtheit der in Fürstenberg (Oder) tätigen Glasfabriken bezeichnet. Die Glashütten bestanden vom Juni 1864 bis zur staatlich verfügten Schließung zugunsten des neu errichteten Eisenhüttenkombinats Ost im Sommer 1952. Heute erinnern einzelne Fabrikgebäude, verschiedene Wohnbauten für die Arbeiterschaft und das ehemalige Feuerwehrdepot sowie die Bezeichnung Glashüttenstraße an Fürstenbergs Glasindustrie.
Alte Hütte
Glashütte Fürstenberg/Oder
Am 26. Juni 1864 beantragten der Fürstenberger Kaufmann Theodor Ferdinand Berndt und der Bergwerks-Expectant Friedrich Neumann beim königlichen Landrat zu Guben den Bau einer Glashütte mit einem Schmelzofen und drei Kühlöfen. Für die Errichtung einer Glashütte am Bahnhof Fürstenberg/Oder sprachen die gute Lage und die perspektivisch gute Verkehrsanbindung. Die Öfen konnten mit Braunkohle aus der „Grube Präsident“ des Nachbardorfes Schönfließ/Niederlausitz betrieben werden. Die Auslieferung der Glaswaren erfolgte mit der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn, an die Fürstenberg seit 1846 angebunden war. Ab 1891 kam der Oder-Spree-Kanal als weitere Transportmöglichkeit hinzu. Am 24. Juni 1872 starb zuerst der Gründer Theodor Ferdinand Berndt und kurz darauf auch der Teilhaber Johann Gottlieb Beichler. Dessen Söhne und Erben Hartwig und Moritz Beichler verkauften ihre Anteile noch im selben Jahr an die Niederlausitzer Glashütten AG.
Niederlausitzer Glashütten
Die Niederlausitzer Glashütten AG war von der Berliner Maklervereinsbank gegründet worden. Gleich im ersten Jahr (1873) wurde mit dem Bau einer Arbeitersiedlung begonnen, 1874 ging die neue Schleiferei in Betrieb. Neue Gesellschafter benannten die Aktiengesellschaft 1876 um in Gesellschaft der Niederlausitzer Glashütten Baumann, Tauber & Co. Aufgrund einer anhaltend schlechten Auftragslage wurde die Glashütte schon 1877 stillgelegt.
J. Schreiber & Neffen

Im Jahr 1879 kauften J. Schreiber & Neffen aus Wien die stillgelegte Glasfabrik und führten sie als „Glasmanufaktur J. Schreiber & Neffen AG Wien, Werk Fürstenberg/Oder“ weiter. Schreiber & Neffen verfügte über mehrere Glasfabriken in Böhmen, Mähren, Ungarn und Russisch-Polen und stellte in Fürstenberg Beleuchtungsglas wie zum Beispiel Lampen und Lampenschirme her.
Von den Schreiber-Glashütten in Böhmen, Mähren und Ungarn kamen zirka 500 tschechische, deutschböhmische, slowakische und ungarische Glasarbeiterfamilien in die preußische Oderstadt. Für die römisch-katholischen Neubürger entstand 1884 in der Wilhelmstraße die Herz-Jesu-Kirche. Im Sommer 1885 wurde eine freiwillige Betriebsfeuerwehr gegründet und ein dazugehöriges Feuerwehrdepot erbaut. Durch die angeworbenen Fachkräfte bestand die Betriebsfeuerwehr fast ausschließlich aus Österreichern. Um 1900 wurde für die zugewanderten Glasarbeiterfamilien ein Arbeiterwohnhaus (im Volksmund „Schleiferhaus“ genannt) errichtet, 1906 folgte ein gelber Klinkerbau („Gelbes Haus“). Weiterhin errichtete man Erweiterungsbauten für eine Malerei, eine Ätzerei und ein Sandstrahlgebläse zur Mattierung von Gebrauchsgläsern.
Die Leitung seines Fürstenberger Zweigwerkes hatte Josef Schreiber jun. von 1895 bis 1909 seinen Teilhabern Eduard und Max-Rupert Göpfert übertragen. Auf sie folgte Gottlob Kralik von Meyrswalden, dessen Familie Kralik von Meyrswalden im böhmischen Eleonorenhain eigene Glashütten besaß und aufgrund ihrer Verdienste um die Glasindustrie 1877 von Kaiser Franz Joseph I. in den österreichischen Ritterstand erhoben wurde. Gottlob Kralik hatte 1903 Klara Welz (* 30. Mai 1880 in Klostergrab bei Teplitz; † 30. Januar 1949 in Fürstenberg) geheiratet. Sie war eine Enkelin des Unternehmensgründers Josef Schreiber jun. Im Oktober 1910 kam Kralik mit seiner Ehefrau und seinem ein Jahr alten Sohn Josef nach Fürstenberg. Unter seiner Leitung begann ein großangelegtes Wohnungsbauprogramm. Bereits 1911 erwarb die Glashütte ein bestehendes Haus in der damaligen Pohlitzer Straße (später Josef-Schreiber-Straße, heute Glashüttenstraße) und baute es zum „Haus Olga“ um. Zwischen 1913 und 1922 entstanden in der Straße sieben stilechte Doppelhäuser für die Arbeiterschaft: Haus Adele, Haus Sophie, Haus Klara, Haus Antonie, Haus Agnes, Haus Emilie und Haus Emma.
Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges veränderte sich die Situation grundlegend. Viele Glasmacher wurden zum Heeresdienst einberufen, und der Betrieb der Hütte konnte nur in kleinem Umfang aufrechterhalten werden. Da die Zufuhr der heimischen Kohle gesperrt war, wurden zwei der drei Öfen stillgelegt. Mit der Auflösung des Kaiserreichs Österreich-Ungarn zum Ende des Krieges verlor Josef-Leo Schreiber jun. seine Produktionsstätten in den neu gegründeten Nationalstaaten Tschechoslowakei, Polen und Ungarn. Die Handelsbeziehungen wurden durch hohe Zollschranken erschwert.
Max Kray & Co.

Der Berliner Kaufmann Max Kray erwarb im Jahr 1919 die Aktienmehrheit und übernahm somit die Glashütte. Es kam zur Fusion der Max Kray & Co. AG Kamenz mit der Glasindustrie Schreiber AG Fürstenberg/Oder zur Max Kray & Co. Glasindustrie Schreiber AG. Kray entließ Gottlob Kralik und übergab den Direktorposten an seinen Kompagnon Max-Rupert Göpfert. Neuer Sitz des Unternehmens war Berlin SO 36, Lausitzer Straße 10. Der entlassene Kralik gründete 1922 mit einem Teil der Belegschaft die „Neue Hütte“ gleich nebenan.
Vereinigte Lausitzer Glashütten

Im Jahr 1924 erlangte die Vereinigte Lausitzer Glaswerke AG (VLG) die Aktienmehrheit. Ein Jahr später gründeten Max Kray und die VLG die Exportgesellschaft Crystal y Luz Limitata, Sao Paulo Max Kray & Co. Die Crystal y Luz Limitata belieferte einen Kundenstamm in den südamerikanischen Metropolen von Brasilien, Argentinien, Uruguay, Chile und Peru. Ab 1933 ging das Fürstenberger Glaswerk in den vollständigen Besitz der VLG über und die Max Kray AG wurde aus dem Handelsregister gelöscht. 1944 wurde die „Alte Glashütte“ kriegsbedingt geschlossen. Auf dem Gelände wurde ein Außenlager für männliche KZ-Häftlinge eingerichtet, die in einem Demontagebetrieb für Flugzeugschrott arbeiten mussten.
VEB Ostglas
Nach Kriegsende beauftragte der sowjetische Stadtkommandant den ehemaligen Direktor Gottlob Kralik als politisch unbelastete Persönlichkeit mit einem Neuanfang. Geplant war die Herstellung von Fenster- und Wirtschaftsglas. Doch bereits im Oktober 1945 wurde der Betrieb enteignet, in Volkseigentum überführt und firmierte fortan unter dem neuen Namenskonstrukt „Vereinigung Volkseigener Betriebe (Z) Ostglas Glashütte Fürstenberg (Oder)“ (Drahtwort: Kristallwerke). Im Sommer 1949 hatte das Werke bereits 500 Beschäftigte.
Auf Beschluss des III. Parteitags der SED wurde ab dem 18. August 1950 das Eisenhüttenkombinat Ost (mit Wohnstadt) zur eigenen Eisen- und Stahlproduktion errichtet. Der Fünfjahresplan sah keine Weiterführung der Fürstenberger Glashütte vor. Zum 30. Juni 1952 stellte die Glashütte ihren Betrieb vollständig ein. Der letzte Betriebsleiter war der Glasfachmann Paul Jurk (1909–1994).
Neue Hütte

Mit der finanziellen Unterstützung seiner weitverzweigten Glasmacher-Familie gründete Gottlob Kralik von Meyrswalden seine eigene Glasfabrik gleich nebenan auf dem Areal zwischen Schönfließer Chaussee und alter Glashütte. Am 20. Mai 1922 beantragte die Fürstenberger Glashüttenwerke AG bei der Polizeiverwaltung die Errichtung einer Glashütte. Hauptaktionäre der Fürstenberger Glashüttenwerke AG waren die Eheleute Klara und Gottlob Kralik von Meyrswalden. Umgangssprachlich wurden die Fürstenberger Glashüttenwerke als „Neue Hütte“ bezeichnet. Die „Neue Hütte“ besaß zwei Schmelzöfen, einen Wannenofen und einen Hafenofen, produzierte Beleuchtungsglas, Pressglas, Schliffglas und Wirtschaftsglas und beschäftigte im Jahr 1930 480 Arbeiter. Auf dem Areal siedelten sich auch die Glasmalerei Gustav Winkler GmbH und die Glasschleiferei Otto Gutsche & Co. GmbH an.
Mit dem Bau der „Neuen Hütte“ entstand in der Prinz-Carolath-Straße, Ecke Eisenbahnstraße (heute Fellertstraße 37–43, Ecke Eisenbahnstraße 16) eine Wohnanlage für die Glasarbeiter. Die Werkswohnungen in der Prinz-Carolath-Straße verfügten über Gärten von je 150 bis 250 Quadratmetern Fläche und wurden mit Wasser aus einer Pumpstation im Hof versorgt. An der Schönfließer Chaussee 148 (heute Glashüttenstraße 1) gab Gottlob Kralik den Bau seiner Familienvilla in Auftrag. Nach der Fertigstellung der Glashütte wechselten viele Glasschleifer und Glasmaler von der „Alten Hütte“ zur „Neuen Hütte“. Durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 geriet die vor allem auf Export eingestellte „Neue Hütte“ in wirtschaftliche Schwierigkeiten und ging 1932 endgültig in Konkurs. Die Fürstenberger Glashüttenwerke wurden stillgelegt, und Unternehmensgründer Kralik kehrte nach Österreich zurück. Die Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) ersteigerten am 17. März 1933 die Glasfabrik und deren umfangreiche Liegenschaften, nahmen aber die Produktion aus Kostengründen nicht wieder auf.

Ein Teil der aufgelassenen Glashütte wurde von den nationalsozialistischen Machthabern entschädigungslos in Besitz genommen und im Herbst 1944 zur Einrichtung eines Außenlagers des KZ Ravensbrück benutzt. Die weiblichen KZ-Insassen waren im Gebäude der ehemaligen Feinschleiferei untergebracht. Die Frauen mussten – neben italienischen Militärinternierten – in einer Rüstungsfabrik von Rheinmetall-Borsig arbeiten und Maschinengewehrteile für Flugzeug-Bordwaffen zusammenfügen. Da das Stammwerk des Rüstungskonzerns in Berlin-Tegel durch Luftangriffe zerstört worden war, hatte Rheinmetall-Borsig einen Teil seiner Produktion unter dem Tarnnamen „Oder-Gerätebau“ nach Fürstenberg verlagert. Die Häftlingsunterkünfte beider Teillager (Alte und Neue Hütte) wurden im Zusammenhang mit der Evakuierung Ende Januar/Anfang Februar 1945 in Brand gesteckt.
Firmierungen (chronologisch)
- 1864–1872: Glashütte Fürstenberg/Oder
- 1873–1876: Niederlausitzer Glashütten AG
- 1876–1877: Gesellschaft der Niederlausitzer Glashütten Baumann, Tauber & Co.
- 1877–1879: Stilllegung
- 1879–1897: Glasmanufaktur J. Schreiber & Neffen AG Wien, Werk Fürstenberg an der Oder
- 1897–1909: Glashüttenwerk vormals J. Schreiber und Neffen, Fürstenberg/Oder und Briesen/Mark
- 1909–1919: Glasindustrie J. Schreiber AG
- 1919–1932: Max Kray & Co. Glasindustrie Schreiber AG, Zweigwerk Fürstenberg/Oder
- 1922–1933: Fürstenberger Glashüttenwerke AG (Neue Hütte)
- 1932–1933: Vereinigte Lausitzer Glashütten AG, Fürstenberg/Oder
- 1933–1949: Vereinigte Lausitzer Glaswerke (VLG), Werk Fürstenberg/Oder
- 1949–1950: VVB (Z) Vereinigung Volkseigener Betriebe, VEB Ostglas Glashütte Fürstenberg/Oder
- 1951–1952: VVB Vereinigung Volkseigener Betriebe, VEB Mittelglas Glashütte Fürstenberg/Oder
Glashüttenkiez

Entlang der Glashüttenstraße sind auch heute noch mehrere Gebäude aus der Zeit der Glasindustrie vorhanden. Zum Gebäude-Ensemble Glashüttenkiez gehören:
- 1872: Arbeiterwohnhaus (Altes Familienhaus), Glashüttenstraße 11a/b/c
- 1900: Arbeiterwohnhaus, Glashüttenstraße 2 (ab 1913 im Besitz der Königlichen Eisenbahndirektion Posen)
- 1900: Arbeiterwohnhaus (Schleiferhaus), Glashüttenstraße 9a/b
- 1906: Arbeiterwohnhaus (Neues Schleiferhaus, Gelbes Haus), Glashüttenstraße 9
- 1909: Winklerhaus, Glashüttenstraße 19
- 1911: Haus Olga (nach Olga Piskatschek (1872–1931), Ehefrau des Josef-Leo Schreiber)
- ca. 1913: Depot der Freiwilligen Betriebsfeuerwehr (später Konsum, Café Olé, Fahrradwerkstatt)
- 1913: Haus Adele (nach Adele Schreiber (1891–1979), Tochter von Olga und Josef-Leo Schreiber), auch „Briesener Haus“
- 1913: Haus Sophie (nach Sophie Schreiber (1863–1925), Tochter von Theresia und Josef Schreiber)
- 1918: Haus Klara (nach Klara Welz (1881–1949), Tochter von Antonie und Franz Welz sowie Ehefrau des Gottlob Kralik von Meyrswalden)
- 1919: Haus Emilie (nach Emilie Welz (1890–1945), Tochter von Antonie und Franz Welz)
- 1919: Haus Agnes (nach Agnes Wlczek (1859–1917), Ehefrau von Heinrich Kralik von Meyrswalden und Großmutter von Gottlob Kralik von Meyrswalden)
- 1919: Haus Antonie (nach Antonie Schreiber (1859–1928), älteste Tochter von Theresia und Josef Schreiber sowie Ehefrau von Franz Welz)
- 1922: Haus Emma (nach Emma Rotter (* 1894), durch Dachstuhlbrand 1928 stark beschädigt)
- 1922: Fabrikantenvilla des Gottlob Kralik von Meyrswalden, Schönfließer Chaussee 148 (heute Glashüttenstraße 1)
Nachnutzung
Ab 1990 wurden Teile des Fabrikareals von einem Möbelmarkt und vom Verein Obdachlosen-Wohnhilfe e. V. genutzt. Ab 2005 erinnerten im „Alten Familienhaus“ eine Glasausstellung und eine historische Glasmacherwohnung an die Zeit der Glashütte.
Im ehemaligen Feuerwehrdepot in der Glashüttenstraße 10 befand sich von 1994 bis 2007 der selbstverwaltete Punkerklub Café Olé. Bei den selbst organisierten Klubkonzerten spielten unter anderen die Bands Manos (12/1996; 2/2004), Harmony Dies (12/1996; 3/1998), Drei Flaschen in’na Plastiktüte (11/1997; 5/1998), Dew-Scented (3/1998), Vorkriegsjugend (4/1998), Tonnensturz (4/1998), Bonehouse (5/1998), Disgrace (5/1998), Dritte Wahl (1/1999), Surfaholics (5/1998), Die Bockwurschtbude (2/1999) und Anal Cunt (6/1999).
Ausstellung
Im Rahmen von Kulturland Brandenburg gab es 2001 eine Ausstellung über die Glasindustrie in Fürstenberg/Oder. Die Ausstellung hatte den Titel Feuer und Sand – Glasindustrie in Fürstenberg/Oder 1864–1952 und wurde kuratiert von Axel Drieschner und Barbara Schulz. Die Ausstellung war vom 16. Dezember 2001 bis zum 26. Mai 2002 im Städtischen Museum Eisenhüttenstadt zu sehen. Zur Ausstellung ist eine Broschüre mit gleichem Titel erschienen. Zum Begleitprogramm gehörten mehrere Vorträge, eine Buchvorstellung durch Sabine Gäbel und eine Begehung des Glasmacherviertels am Bahnhof mit der Bauhistorikerin Barbara Schulz.
- Glasverarbeitung
- Glasmanufaktur
- Geschichte des Glases
- Ehemaliger Glashersteller
- Unternehmensgründung 1845
- Aufgelöst 1952
- Liste (produzierende Unternehmen)
- Liste (deutsche Unternehmen)