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Atalanta (HWV 35) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Sie erlebte ihre Uraufführung am 12. Mai 1736 im Theatre Royal, Co

Atalanta (Händel)

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Atalanta (HWV 35) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Sie erlebte ihre Uraufführung am 12. Mai 1736 im Theatre Royal, Covent Garden in London.

Werkdaten
Originaltitel: Atalanta

Titelblatt des Librettos, London 1736

Form: Opera seria
Originalsprache: Italienisch
Musik: Georg Friedrich Händel
Libretto: unbekannt
Literarische Vorlage: Belisario Valeriani, La Caccia in Etolia (1715)
Uraufführung: 12. Mai 1736
Ort der Uraufführung: Theatre Royal, Covent Garden, London
Spieldauer: 2 ½ Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Ätolien, in mythischer Zeit
Personen
  • Atalanta, Prinzessin von Arkadien unter dem Namen „Amarilli“, Geliebte des Meleagro (Sopran)
  • Meleagro, König von Ätolien unter dem Pseudonym „Tirsi“, Liebhaber Atalantas (Sopran)
  • Irene, ein Hirtenmädchen, Geliebte Amintas (Alt)
  • Aminta, ein Hirte, Liebhaber Irenes (Tenor)
  • Nicandro, Irenes Vater und Meleagros Vertrauter (Bass)
  • Mercurio (Bass)
  • Jäger, Hirten, Landvolk

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Händel hatte seit 1733 nicht nur den erbitterten Konkurrenzkampf mit der rivalisierenden „Opera of the Nobility“ und die damit einhergehenden Auseinandersetzungen und Anfeindungen zu ertragen, sondern soll in den vorausgehenden Opernspielzeiten 1734 bis 1736 geschätzte 9000 £ Verluste erlitten haben.

Der wirtschaftliche Misserfolg und die zunehmende Missachtung seiner Opern ließen ihn über andere Wege nachdenken. Daher führte er in der neuen Saison zunächst eine Serie von Oratorien auf: Am 19. Februar 1736 fand die erfolgreiche Uraufführung seines Alexander-Festes im Covent Garden statt, gefolgt von Wiederaufnahmen von Acis and Galatea sowie Esther. Diese Vorstellungen dauerten bis zum 14. April.

Friedrich, Fürst von Wales, Cello spielend, mit seinen Schwestern, Philippe Mercier, 1733

Inzwischen erhielt Händel den Auftrag für die Komposition einer Hochzeitsoper zur Vermählung des ältesten Sohnes von König Georg II., dem Thronfolger Friedrich Ludwig von Hannover mit Prinzessin Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg am 27. April 1736. Der Prinz war ein Liebhaber der schönen Künste und spielte selbst Cello, hatte allerdings auch für die „Adelsoper“ Partei ergriffen, weil er sich seinem Vater widersetzen wollte. Letztlich förderte er jedoch beide Parteien.

Händel komponierte abgesehen von der Oper Atalanta auch das Anthem Sing unto God (HWV 263) für die Hochzeitszeremonie. Außerdem erklang am Abend vor der Hochzeit wahrscheinlich eine von Händels Wassermusik-Suiten. Bei der Hochzeitsfeier am Tag darauf war eine „gewaltige Menschenmenge“ anwesend.

Atalanta wurde, nach dreiwöchiger Kompositionsarbeit, am 22. April fertig. Händel hatte, wie gewöhnlich, das jeweilige Aktende mit dem Datum versehen: Fine dell Atto 1 | April 9. 1736. – Fine dell Atto 2do | April 14. 1736. – Fine dell’ Opera. G.F.H. April 22. 1736. Die ursprünglich für den 5. Mai geplante Uraufführung verzögerte sich um eine Woche, da die Arbeiten für die prächtige Szenerie der Inszenierung nicht rechtzeitig fertig wurden, so eröffnete Händel die Saison kurzerhand mit einer Wiederaufnahme des Ariodante.

“We hear Mr. Handel has compos’d a new Opera […] and that several Voices being sent for from Italy, for that purpose, are lately arrived, who as we are informed, will make their first Appearance, in the Opera of Ariodante.”

„Wie wir erfahren, hat Händel eine neue Oper geschrieben […] und wir haben erfahren, dass einige aus Italien angeforderte Sänger kürzlich hier eingetroffen sind, die, wie uns gesagt wurde, erstmals in der Oper Ariodante auftreten werden.“

– The London Daily Post, London, 29. April 1736

Uraufführung

Schließlich war es soweit: die Premiere von Atalanta zu Ehren der königlichen Vermählung fand am 12. Mai 1736 im Covent Garden Theatre statt. Es sangen:

  • Atalanta/„Amarilli“ – Anna Maria Strada del Pó (Sopran)
  • Meleagro/„Tirsi“ – Gioacchino Conti, genannt „Gizziello“ (Soprankastrat)
  • Irene – Maria Caterina Negri (Alt)
  • Aminta – John Beard (Tenor)
  • Nicandro – Gustav Waltz (Bass)
  • Mercurio – Henry Theodore Reinhold (Bass)

Die Oper erlebte acht Aufführungen bis zum 9. Juni und wurde in der folgenden Spielzeit auf Wunsch des Kronprinzen noch zweimal (am 20. und 27. November 1736) wiederholt.
Der Dichter Thomas Gray berichtete Horace Walpole über die neue Oper und den Sopranisten Gioacchino Conti, gen. Gizziello:

“... There are only four men and two women in it. The first is a common scene of a wood, and does not change at all till the end of the last act, when there appears the Temple of Hymen with illuminations; there is a row of blue fires burning in order along the ascent to the temple; a fountain of fire spouts up out of the ground to the ceiling, and two more cross each other obliquely from the sides of the stage; on the top is a wheel that whirls always about, and throws out a shower of gold-colour, silver, and blue fiery rain. Conti I like excessively in everything but his mouth which is thus, [drawing]; but this is hardly minded, when Strada stands by him.”

„... Es treten darin nur vier Männer und zwei Frauen auf. Zuerst spielt die Handlung in einer gewöhnlichen Waldkulisse; so bleibt es bis zum Ende des dritten Aktes, dann jedoch taucht der festlich erleuchtete Tempel des Hymen auf; eine gerade Reihe blauer Feuer lodert entlang des Aufgangs zum Tempel; eine Feuerfontäne springt vom Boden bis zur Decke auf, und zwei weitere kreuzen sich schräg von beiden Seiten der Bühne her; ganz oben befindet sich ein Rad, das ständig herumwirbelt und dabei einen goldenen, silbernen und blauen Funkenregen versprüht. Conti gefällt mir in jeder Hinsicht, bis auf seinen Mund, der so aussieht: [Zeichnung]; aber daran kann man sich kaum stören, wenn die Strada danebensteht.“

– Thomas Gray: Brief an Horace Walpole, London, 11. Juni 1736

Über die Publikumsreaktionen in einer Aufführung von Atalanta wissen wir von Benjamin Victor, dass

“[…] at the appearance of that great prince of harmony in the orchestre, there was so universal a clap from the audience that many were surprised. […] As to the opera, the critics say, it is too like his former compositions, and wants variety.”

„[…] beim Erscheinen dieses großen Fürsten der Harmonie (= Händel, Anm. d. Ü.) im Orchester das Publikum in so allgemeinen Beifall ausbrach, dass viele überrascht waren. […] Die Oper, so sagen die Kritiker, gleicht in zu hohem Maße seinen früheren Werken, ihr fehle die Abwechslung.“

– Benjamin Victor: Brief an Matthew Dubourg, Mai 1736

Die aufwändigen Kulissen, Transparente und das Feuerwerk riefen uncommon Delight and Satisfaction(„ungewöhnliche Freude und Befriedigung“) hervor.

Weitere Aufführungsgeschichte

Nach 1736 wurde Atalanta erst am 17. Juli 1970 in Hintlesham (Suffolk) wieder aufgeführt. Diese Freiluft-Produktion der Kent Opera in englischer Sprache (Textfassung: Laura Sarti und Norman Platt) wurde von Roger Norrington geleitet.
Die erste Wiederaufführung des Stückes in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis sah man in Szombathely (Steinamanger) am 13. August 1984 mit der Capella Savaria unter der Leitung von Nicholas McGegan.

Libretto

Jagd des Meleager und der Atalante, Peter Paul Rubens, 1616/20

Die Geschichte der Atalanta war allgemein im Barock ein beliebtes Sujet für Hochzeitsopern, besonders in Deutschland. Händels Textbuch basiert auf Belisario Valerianis La caccia in Etolia, die 1715 mit Musik von Fortunato Chelleri in Ferrara uraufgeführt wurde. Es ist ein bukolisches Hirtenspiel, dessen Handlung sich in einem mythischen Arkadien, im Kreis vermeintlicher und wirklicher Hirten und Schäferinnen, abspielt. Händel hatte zuvor mit Il Pastor fido (1712) ein ähnliches Libretto vertont. Wir wissen nicht, wer der Bearbeiter von Händels Vorlage war, es ist jedoch möglich, dass er selbst das Textbuch modifiziert hat. Die Änderungen bestehen bei Atalanta in erster Linie aus Kürzungen, die aber kaum Einfluss auf die Handlung haben, aber auf Händels Technik ein Licht werfen, wie man das Drama „schärfen“ kann. Von den 26 Arien der Vorlage, finden sich in Händels Partitur 18 wieder.

Handlung

Historischer und literarischer Hintergrund

Teile der Handlung basieren auf der u. a. in Ovids achtem Buch der Metamorphosen überlieferten Jagd nach dem Kalydonischen Eber: Der riesenhafte Eber kann von Meleagros erst erlegt werden, nachdem ihn die mutige Jägerin Atalanta mit einem Pfeil verwundet hat. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich eine weitgehend neu erfundene Liebesgeschichte zwischen Atalanta und Meleagro, die als Schäfer verkleidet einerseits sowie Aminta und Irene andererseits. Dabei wird die antike Mythologie mit berühmten Schäferdichtungen der Renaissance vermischt: Die Figuren Aminta und „Tirsi“ entstammen Torquato Tassos Schäferspiel Aminta, während der Name „Amarilli“ auf eine Figur aus Guarinis Il Pastor fido zurückgeht.

Erster Akt

König Meleagro von Ätolien lebt unter dem Namen „Tirsi“ als Schafhirte unter Hirten und genießt sein Leben auf dem Lande, weit weg von den Sorgen des Staates. Er ist sehr verliebt in die Jägerin „Amarilli“, von der er weiß, dass sie in Wirklichkeit die Prinzessin Atalanta ist. Er trifft sich mit Aminta, einem echten Hirten, der verzweifelt in die Schäferin Irene verliebt ist, die jedoch, als sie erscheint, nichts anderes tut, als Aminta zu verhöhnen. Er erklärt, dass er bereit sei, ihr immer treu zu sein und sogar für seine Liebe zu sterben. Nicandro, Irenes Vater und Meleagros Freund, erklärt Meleagro, dass auch Irene Aminta wirklich liebt, sie sich aber versichern will, dass er ihr treu bleiben wird. Prinzessin Atalanta von Arkadien, die sich als Jägerin verkleidet aufs Land zurückgezogen hat, tritt nun unter dem Namen „Amarilli“ auf. Alle bereiten sich auf die Jagd vor, aber Atalanta erlaubt „Tirsi“ (Meleagro) nicht, während der Jagd an ihrer Seite zu bleiben, um sie zu schützen, obwohl sie in ihn verliebt ist. Als ein Eber aus dem Wald kommt, will Aminta sich ihm todessüchtig in den Weg stellen, so verzweifelt ist er über Irenes scheinbare Ablehnung, aber die anderen halten ihn davon ab. Nachdem Meleagros Pfeil den Eber verfehlt hat, trifft aber Atalanta und sie freut sich über ihren Triumph.

Zweiter Akt

Alle feiern Atalantas Triumph, den Eber erlegt zu haben, aber sie selbst ist traurig, weil sie in „Tirsi“ verliebt ist, denn sie kann als eine (verkleidete) Prinzessin den einfachen Hirten „Tirsi“ nicht heiraten. Sie weiß ja nicht, dass dieser in Wirklichkeit König Meleagro ist. Dieser hört, wie sie über diese unglückliche Situation nachdenkt, und versucht, sie über seine wahre Identität aufzuklären. Da beide aber sehr schüchtern sind, gelingt es nicht, die Sache aufzuklären. Derweil gibt Irene vor, in „Tirsi“ (Meleagro) verliebt zu sein, womit sie aber nur versucht, Aminta weiter zu quälen. Meleagro übergibt Irene ein Band und bittet sie, es Atalanta zu überbringen und ihr zu sagen, wie sehr er sie liebe.

Irene zeigt Aminta das Band, das Meleagro ihr mitgegeben hat und gibt vor, dass sie wirklich in Meleagro verliebt ist. Aminta protestiert gegen diese Grausamkeit. Kaum hat sich Aminta beruhigt, kommt „Amarilli“ und fleht um seine Hilfe. Sie gesteht ihre Liebe zu „Tirsi“ und bittet Aminta, diesem einen Speer zu überreichen, ohne ihren Namen zu erwähnen. Meleagro weiß, dass sie wirklich in ihn verliebt ist und ist recht fröhlich, aber Atalanta fühlt, dass ihre Pflicht sie daran hindern wird, ihm jemals ihre Liebe zu gestehen.

Dritter Akt

Irene überreicht „Amarilli“ das Band, das „Tirsi“ ihr mitgab. Atalanta ist gerührt und lässt Meleagro wissen, dass er durch Aminta alles über sie erfahren kann. Dann trifft Irene auf Aminta, der beschließt, der Intrige seiner Geliebten ebenso eine solche entgegenzusetzen, indem er den Speer für Meleagro, den Atalanta ihm gegeben hat, zur Schau stellt. Aminta äußert, dass Atalanta ihm den Speer gegeben habe, weil sie in ihn verliebt ist und er sie auch liebt. Darüber ist Irene wütend, und Meleagro, der das Ganze insgeheim beobachtet und mitgehört hat, ist verzweifelt. Als Irene behauptet, dass sie die ganze Zeit in Aminta verliebt war, ist Meleagro zutiefst verstört, fühlt sich allein und schläft erschöpft von all den emotionalen Turbulenzen ein. Als Atalanta auftritt, sinniert sie über den seltsamen Zufall, dass das Band, das ihr der Hirte „Tirsi“ geschickt hatte, dem Band von König Meleagro, der es einst von ihrem Vater bekam, gleicht. Da wacht Meleagro auf und Atalanta kann sich nicht mehr zurückhalten: sie gesteht ihm ihre Liebe und sie umarmen sich. Als Nicandro, Irene und Aminta dazu kommen, klären Irene und Aminta alles auf und machen ihre Liebe öffentlich. Nicandro erzählt dem Hirten „Tirsi“, dass die Jägerin „Amarilli“ in Wirklichkeit Prinzessin Atalanta ist und Atalanta, dass „Tirsi“ in Wirklichkeit König Meleagro ist. Nun steht ihrer Hochzeit nichts mehr im Wege und beide Paare sind glücklich. Der Himmel teilt sich und Merkur, der Bote Jupiters, steigt auf einer Wolke herab. Merkur überbringt dem Königspaar den Segen seines Herrn und sichert ihnen persönliches Glück und die Liebe ihres Volkes zu. Allgemeiner Jubel, Feierlichkeiten und ein Feuerwerk schließen die Oper.

Musik

Georg Friedrich Händel, um 1737 Miniatur von Georg Andreas Wolfgang d. J., Royal Collection

Händels Atalanta ist keine eigentliche Opera seria, sondern eine festliche Serenata; aufgrund der im Hirtenmilieu spielenden Handlung gehört sie zum Genre der Pastorale. Beides hat Konsequenzen für Händels Vertonung: Der Charakter der Oper ist in erster Linie heiter, lieblich und festlich, es überwiegen bei weitem die Dur-Tonarten – nur vier Arien stehen in Moll. Eine formale Besonderheit ist der Epilog, in den die Bühnenhandlung mündet und sich in eine offizielle Huldigung an das königliche Brautpaar verwandelt. Auch die Ouverture zur Oper mit ihrer prächtigen Trompeten-Besetzung bezieht sich auf das königliche Ereignis und nicht auf die bukolische Handlung (während der die Trompeten schweigen).

Das eindeutig größte Gewicht liegt auf dem Paar Atalanta und Meleagro, die von zwei Sopranen gesungen werden, ursprünglich komponiert für Anna Maria Strada und den kurz zuvor aus Neapel angereisten, noch sehr jungen Kastraten Gizziello. Auch in den drei folgenden Opern (Arminio, Giustino, Berenice) ließ Händel diese beiden immer als Paar auftreten, denen er musikalisch wirkungsvoll ein zweites, stimmlich tieferes Paar gegenüberstellte, hier Irene (Alt) und Aminta, welch letzterer jedoch ungewöhnlicherweise mit einem Tenor besetzt ist.
Auch über die Wahl der Stimmlagen hinaus werden diese beiden Paare und ihre standesmäßige Zuordnung von Händel musikalisch sehr deutlich voneinander unterschieden: Das aristokratische Paar Atalanta und Meleagro hat – wie es sich für ihren Rang als prima donna und primo uomo gehört – wesentlich mehr Arien zu singen, die sorgfältiger und komplexer ausgearbeitet sind, eine brillantere Gesangstechnik erfordern und ein größeres Ausdrucksspektrum abdecken. Irene und Aminta dagegen haben nur jeweils drei Arien, die aufgrund ihres Status als Schäfer fast alle einfach und schlicht sind.

Das Ende der Ouverture und der Beginn des ersten Aktes in Händels Manuskript: Care selve, ombre beate (British Library, London)

Händel komponierte für Gizziello als Meleagro fünf Dacapo-Arien, ein Arioso und zwei Duette (mit Atalanta), die alle in Dur-Tonarten stehen. Es war das erste Mal seit 1722 (mit Benedetto Baldassari in Floridante), dass Händel einen männlichen echten Sopran zur Verfügung hatte und er ließ ihn in Atalanta als echten „Divo“ in Erscheinung treten. Ausgesprochene Bravourarien sind das von pikanten Synkopen durchsetzte „Non sarà poco, se il mio gran foco“ (Nr. 9) am Ende des ersten Aktes – eine der wenigen Arien, wo Händel einen Sopran das dreigestrichene c’’’ singen lässt – und „Tu solcasti il mare infido“ (Akt III, Nr. 24a), welche ursprünglich die eigentliche Handlung kurz vor dem Epilog beschloss und später an andere Stelle versetzt wurde. Beide Stücke huldigen außerdem dem seinerzeit modernsten neapolitanischen Geschmack, was schon Charles Burney bemerkte: In „Non sará poco“ seien

“[…] the base and accompaniments are of a modern craft, and, except the closes and two or three of the divisions, the whole seems of the present age.”

„[…] der Bass und die Begleitung modern gestaltet, und mit Ausnahme der engen Stimmführung und zweier oder dreier Verzierungen klingt das Ganze sehr zeitgemäß.“

– Charles Burney: A General History of Music, London 1789

Auch andere Arien Meleagros sind in einem ausgesprochen galanten Stil gehalten, insbesondere „Lascia ch’io parta solo“ (Nr. 2), das dem Sänger – wie schon zuvor im lyrischen Arioso „Care selve“ (Nr. 1) – mit lang gehaltenen Noten ausgiebige Möglichkeiten für messa di voce gibt und im B-Teil kurzfristig in düstere Moll-Bereiche eintaucht.

Atalanta alias Anna Maria Strada hat vier Arien, zwei Ariosi und zwei Duette (beide mit Meleagro). Sie wird bei ihrem ersten Auftritt mit dem Arioso „Al varco, oh pastori!“ (Akt I, Nr. 6) zunächst in einer kämpferischen Situation (mit dem kalydonischen Eber) gezeigt, und bekommt in der darauf folgenden koloraturenreichen Dacapo-Arie „Riportai gloriosa palma“ (Nr. 8) in A-Dur Gelegenheit ihre Bravour zu zeigen, u. a. mit schnellen gebrochenen Akkorden. In größtem Kontrast dazu steht „Lassa! Ch’io t’ho perduta“ in Akt II (Nr. 11), ihre einzige traurige Arie in c-Moll mit einer ungewöhnlichen, berührenden Streicherbegleitung – es ist das emotional tiefsinnigste Stück dieser Partitur.
Das darauf folgende Duett mit Meleagro „Amarilli? / Oh Dei, che vuoi?“ (Akt II. Nr. 12) ist ein regelrechter Dialog der beiden Protagonisten, wo die Handlung also keineswegs stillsteht, und damit eine der ungewöhnlichsten Nummern nicht nur dieser Händel-Oper. Winton Dean bezeichnete es als „eins der subtilsten Duette Händels zwischen Liebenden“ („one of the subtlest of Handel’s duets between lovers“).

Von den Arien der übrigen Figuren sind besonders erwähnenswert: die Tenorarie „Di’ ad Irene, tiranna, infedele“ (Akt II, Nr. 15) des Aminta, eine der seltenen Moll-Arien, wo der Ausdruck der Wut immer wieder durch kurze, innige Adagio-Momente unterbrochen wird; außerdem die durch ein Accompagnato eingeleitete Bass-Arie des Mercurio „Sol prova contenti“ (Nr. 26a) im Epilog, ein wiederum ausgesprochen modern wirkendes Stück mit eleganten Triolen-Läufen.
Erwähnenswert ist des Weiteren die Rolle des Chores, sowohl das freudige „Oggi rimbombano di feste“ zu Beginn des zweiten Aktes (Nr. 10), als auch die festlichen, mit Trompetenstücken alternierenden Gesänge im Epilog, die ursprünglich zu einem prächtigen Feuerwerk erklangen.

In Atalanta wurden kurze Motiv-Zitate aus Telemanns Tafelmusik (in der Ouverture), sowie aus Opern und Oratorien von Alessandro Scarlatti, Giovanni Bononcini, Reinhard Keiser, Carl Heinrich Graun, Domenico Sarro und Francesco Antonio Pistocchi gefunden.

Orchester

Zwei Oboen, Fagott, zwei Hörner, drei Trompeten, Pauken, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Erzlaute oder Theorbe, zwei Cembali).

Struktur der Oper

Ouverture. – Andante. (2 Ob, Trp, Str, BC)

Erster Akt

Scena I 1. Arioso. Meleagro (BC) Care selve, ombre beate
Scena II Recitativo. Aminta, Meleagro Sempre ti lagni, oh Tirsi?
Scena III Recitativo. Irene, Aminta, Meleagro Ecco Aminta! agli inganni Tirsi?
2. Aria. Meleagro (2 Ob, Str, BC) Lascia ch’io parta solo
Scena IV Recitativo. Irene, Aminta Ch’io rimanga con te?
3. Aria. Aminta (2 Vl, BC) S’è tuo piacer, ch’io mora
Scena V Recitativo. Nicandro, Irene Perche sospesa, oh figlia
4. Aria. Nicandro (2 Vl, BC) Impara, ingrata, ad esser men crudele
Scena VI Recitativo. Irene Ah! che pur troppo adoro il caro Aminta
5. Aria. Irene (2 Vl, BC) Come alla tortorella langue al suo caro appresso
Scena VII 6. Arioso. Atalanta (2 Ob, Str, BC) Al varco, oh pastori! vicina è la fera
Recitativo. Atalanta, Meleagro Tirsi, e tu che per fama
Scena VIII Recitativo. Irene, Aminta Cerchi in vano la morte
7. Sinfonia. (Str, BC)
Recitativo. Atalanta, Meleagro Trattenetolo, oh fidi
8. Aria. Atalanta (2 Vl, BC) Riportai gloriosa palma
Scena IX Recitativo. Meleagro Ah! che tu sei la fera
9. Aria. Meleagro (2 Ob, Str, BC) Non sarà poco, se il mio gran foco

Zweiter Akt

Scena I 10. Coro. (2 Ob, 2 Hr, Str, BC) Oggi rimbombano di feste, e guibilo
Scena II Recitativo. Atalanta, Meleagro Sei pur sola una volta
11. Aria. Atalanta (Str, BC) Lassa! Ch’io t’ho perduta
Scena III Recitativo. Meleagro, Atalanta Amarilli? Amarilli?
12. Duetto. Atalanta, Meleagro (Str, BC) Amarilli? / Oh Dei, che vuoi?
Scena IV Recitativo. Meleagro, Irene Ah! ch’io ancora l’intendo!
13. Aria. Meleagro (2 Vl, BC) Sì, mel raccorderò
Scena V Recitativo. Irene, Aminta Il mio caro pastore
14. Aria. Irene (2 Ob, 2 Vl, BC) Soffri in pace il tuo dolore
Scena VI Recitativo. Aminta, Atalanta È no moro d’affanno?
15. Aria. Aminta (Str, BC) Di’ ad Irene, tiranna, infedele
Scena VII Recitativo. Atalanta, Meleagro Ma giunge il caro mio vago pastore
16. Aria. Meleagro (Str, BC) M’allontano, sdegnose pupille
Scena VIII Recitativo. Atalanta Poveri affetti miei!
17. Aria. Atalanta (2 Ob, Str, BC) Se nasce un rivoletto

Dritter Akt

Scena I 18. Sinfonia. (2 Ob, Str, BC)
Recitativo. Atalanta, Irene E dalla man di Tirsi
19. Aria. Atalanta (2 Ob, Str, BC) Bench’io non sappia ancor interder il mio fato
Scena II Recitativo. Irene, Aminta Sono Irene? oppur sogno?
20. Aria. Aminta (2 Vl, BC) Diedi il core ad altra Ninfa
Scena III Recitativo. Irene, Meleagro, Aminta Ohimè! che pene!
21. Aria. Irene (2 Vl, BC) Ben’io sento l’ingrato, spietata
Scena IV Recitativo. Meleagro Oh! del crudo mio bene
Scena V Recitativo. Atalanta, Meleagro Quanto più ti contemplo
22. Arioso. Atalanta (BC) Custodite, o dolci sogni
Recitativo. Meleagro Io vo’ morir
Scena VI Recitativo. Nicandro Re Meleagro, e tu gran Principessa
23. Aria. Nicandro (2 Ob, Str, BC) Or trionfar ti fanno
Recitativo. Atalanta, Meleagro, Irene, Aminta Oh forza del destin!
24a. Aria. Meleagro (Str, BC) Tu solcasti il mare infido
24b. Duetto. Atalanta, Meleagro (Str, BC) Caro! / Cara! nel tuo bel volto
Scena VII 25. Sinfonia e Recitativo accompagnato. Mercurio (2 Ob, Str, BC) Del supremo Tonante messagiero
26a. Aria. Mercurio (Str, BC) Sol prova contenti
27. Coro. (2 Ob, Str, BC) Dalla stirpe degli Eroi
Recitativo. Mercurio Con voce giuliva gridiam tutti
28. Coro. (2 Ob, Str, BC) Gridiam tutti
29. Sinfonia. (3 Trp, Pk)
30. Coro. (2 Ob, Str, BC) Viva la face, viva l’amor!
31. Gavotta. (3 Trp, Pk)
32. Coro. (2 Ob, 3 Trp, Pk, Str, BC) Con voce giuliva gridiam tutti

Reaktionen

“[Atalanta is] one of Handel’s most charming operas, with its choruses of nymphs and shepherds, and its indescribable atmosphere of light-hearted gaiety and out-of-door freshness.”

„[Atalanta ist] eine von Händels charmantesten Opern, mit ihren Chören von Nymphen und Hirten und ihrer unbeschreiblichen Atmosphäre von leichtherziger Fröhlichkeit und frischer Naturszenerie.“

– Richard A. Streatfield: Handel, London 1909

“The songs are mostly short and easy to sing, but wonderfully typical of this late period of Handel’s style, in which he throws off trivialities with astonishing originality and genius.”

„Die Arien sind meist kurz und einfach zu singen, aber wunderbar typisch für diese späte Phase von Händels Stil, in der er mit erstaunlicher Originalität und Genialität Trivialitäten hinter sich lässt.“

– Edward Dent: The Operas, London 1954

Diskografie

  • Hungaroton SLPD 12612-4 (1986): Katalin Farkas (Atalanta), Eva Bartfai-Barta (Meleagro), Eva Lax (Irene), János Bandi (Aminta), Jozsef Gregor (Nicandro), Lászlo Polgár (Mercurio)
Capella Savaria; Dir. Nicholas McGegan (134 min)
  • Philharmonia Baroque (Naxos) B007HCX4PC (2012): Dominique Labelle (Atalanta), Susanne Rydén (Meleagro), Cécile van de Sant (Irene), Michael Slattery (Aminta), Philip Cutlip (Nicandro), Corey McKern (Mercurio)
Philharmonia Orchestra; Dir. Nicholas McGegan (143 min)
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